The Take

Politik als Slapstick

‹Long Shot› ist eine Komödie, die sich des politischen Systems in den USA annimmt. Die Romantik kommt allerdings auch nicht zu kurz.

Der Trailer zu ‹Long Shot›.

Der Wahlkampf für das Präsidentenamt ist in den USA schon in vollem Gang, obwohl die Wahl erst im November nächsten Jahres stattfindet. Vor allem die Demokraten versuchen dabei das Trauma der letzten Wahl zu überwinden, als Hilary Clinton überraschenderweise gegen Donald Trump verlor.

Als Traumaarbeit lässt sich auch ‹Long Shot› lesen, ein Film in dem eine weibliche Aussenministerin — auch Hilary war Aussenministerin — Anlauf auf die Präsidentschaft nimmt und darauf hofft, durch ihre offensichtliche Kompetenz zu überzeugen. ‹Long Shot› überlässt die ernsthafte Analyse allerdings Anderen und verhandelt das Thema lieber als Komödie.

Charlize Theron spielt Charlotte Field, ihres Zeichens Aussenministerin der USA. Als der Präsident ihr mitteilt, er werde keine zweite Amtszeit anstreben — der ehemalige Fernsehstar möchte es lieber als Filmstar versuchen — sieht sie ihren Moment gekommen: Noch rasch ein internationales Abkommen mit Ausstrahlungskraft abschliessen und dann den Schwung nutzen, um ihre Kandidatur anzukünden.

Fred Flarsky (Seth Rogen) und Charlotte Field (Charlize Theron) besprechen eine Rede.

Dafür braucht sie jemanden, der ihr mitreissende Reden schreiben kann. Da kommt ihr eine Zufallsbegegnung mit Fred Flarsky gerade recht (Seth Rogen). Der Journalist hat gerade seinen Job verloren, weil seine Publikation von einem Medienkonglomerat aufgekauft wurde. Seine radikalen Positionen haben dort keinen Platz mehr. Das Beste: Er kennt Charlotte, weil sie früher seine Babysitterin war. Natürlich war er damals in sie verschossen. Heute könnten ihre Welten nicht unterschiedlicher sein. Geben sie unter den wachsamen Augen der Öffentlichkeit trotzdem ein gutes Team ab, oder ist es eben ein Long Shot — ein praktisch hoffnungsloser Fall?

Vom Präsidenten zum Filmstar

Die Handlung von ‹Long Shot› ist äusserst vorhersehbar, aber das macht nichts, denn der Film ist extrem lustig. Regisseur Jonathan Levine (‹Warm Bodies›, ‹The Night Before›) spielt auf der Klaviatur des Humors. Fast schon brutaler Slapstick — Menschen fliegen aus Fenstern und stürzen die Treppe herab — wechselt sich mit Wortspielen und Kommentaren zur Popkultur ab.

Zudem wird das gesamte amerikanische Politiksystem auf die Schippe genommen. Einerseits ist da der Personenkult, der es einem Fernsehstar erlaubt Präsident zu werden, weil einen Präsidenten im Fernsehen gespielt hat. Inhalte gelten wenig, dass muss auch Charlotte einsehen. Der Film kritisiert dies zwar, kann sich aber schlussendlich selbst nicht davon lösen. Um konkrete Politik geht es in ‹Long Shot› nicht: Charlottes grosse Initiative dreht sich darum, ein globales Klimaabkommen abzuschliessen, doch darüber hinaus bleibt ihr Programm vage.

Anderseits ist da das Mediensystem, in dem aufgeregte Journalisten verblödete sexistische Kommentare ablassen und in dem die Eigentümer von Medien übermässigen Einfluss haben. Zielscheibe sind vor allem Fox News und Rupert Murdoch.

Herausgeputzt machen Fred und Charlotte ein gutes Paar.

Nebst dem Humor punktet ‹Long Shot› auch durch die Charaktere. Die Chemie zwischen Theron und Rogen stimmt und ihre Beziehung verleiht dem Film Wärme, sodass die Witze über ihre unterschiedlichen Lebenswelten nie einfach nur gemein sind. Dass Rogen lustig ist, ist keine Überraschung, aber auch Theron überzeugt in der Komödie, vor allem als sie als zugedröhnte Aussenministerin aufdrehen darf.

Die beiden werden von einem tollen Ensemble unterstützt. O’Shea Jackson Jr. (‹Straight Outta Compton›) überzeugt als Freds bester Freund, während Alexander Skarsgård (‹True Blood›, ‹Tarzan›), den kanadischen Premierminister als Justin Trudeau Verschnitt spielt. Brilliant ist auch Andy Serkis (‹The Lord of the Rings›, ‹Planet of the Apes› - Trilogie), der als schmieriger Medienmogul beinahe nicht erkennbar ist.

‹Long Shot› ist eine herrliche Komödie, die den Finger auf einige wunde Punkte legt, aber dabei nie mit dem Zeigefinger wedelt. Den würde man auch übersehen, wenn man zwischen den Fingern hindurch zusieht, wie sich ein Mann aus dem Fenster wirft und in klassicher Slaptstick-Manier danach einfach davonläuft und Nazis den Finger zeigt.

Erstellt: 18.06.2019, 21:16 Uhr

ZSZ-Mitarbeiterin Olivia Tjon-A-Meeuw liebt Kinosäle, steht zu ihrer Netflix-Sucht und hasst nichts so sehr wie Spoiler. An dieser Stelle bloggt sie über ihre Leinwand- und Streaming-Erlebnisse und bewertet Filme und Serien. ot_a_m auf Instagram.

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