The Take

Ziemlich brutale Jungs

In der neuen Serie ‹The Boys› bekämpfen Normalos arrogante Superhelden. Dabei geht es blutig zu und her.

Kann man damit einen Superhelden umbringen? Hughie (Jack Quaid) und Butcher (Karl Urban) geben nicht auf, bis sie die richtige Waffe gefunden haben.

Kann man damit einen Superhelden umbringen? Hughie (Jack Quaid) und Butcher (Karl Urban) geben nicht auf, bis sie die richtige Waffe gefunden haben.

Der Titel der Serie ‹The Boys›, zu deutsch ‹Die Jungs›, klingt unschuldig, doch ein Blick ins neue Amazon Prime Angebot macht deutlich, dass die Serie das absolute Gegenteil von unschuldig ist: Sie ist extrem brutal. Kein Bild macht das deutlicher, als ein Vorfall in der ersten Folge. Hughie (Jack Quaid) und seine Freundin Robin (Jess Salgueiro) küssen sich gerade am Strassenrand, als der schnellste Mann der Welt (Jessie T. Usher) einfach durch Robin hindurch rennt. Sie explodiert regelrecht. Das wird in Zeitlupe gezeigt, sodass man sieht wie die einzelnen Blutstropfen und sonstigen menschlichen Überreste auf Hughies Gesicht landen, bis er schliesslich nur noch Robins Hände in seinen Händen hält. Der Superheld hingegen rennt einfach weiter.

Genau darum geht es in ‹The Boys›: Eine Welt in der Superhelden so allgegenwärtig und beliebt sind, dass sie keine Konsequenzen für ihr Verhalten befürchten müssen. Und hinter den Kulissen werden Orgien gefeiert, Drogen konsumiert und ab und zu werden Zivilisten beim Ausführen von Heldentaten verletzt oder eben getötet.

Das Image der Superhelden trotzdem sauber zu halten, ist die Aufgabe von Vought, einem Konglomerat, dass alle Superhelden in Amerika managt. Dabei kommt der gute Ruf stets vor der guten Tat. Die berühmtesten Superhelden sind die Sieben, zu denen auch A-Train, der Mörder von Robin, gehört.

Trailer zur neuen Amazon Serie The Boys.

Nach Robins Tod wird Hughie von Butcher (Karl Urban) angeworben, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Superhelden nicht nur als das zu enttarnen, was sie sind, sondern sie gleich zur Strecke zu bringen. Doch das ist leichter gesagt als getan, schliesslich sind Hughie, Butcher und der Rest der Boys ganz normale Menschen. Was können sie da gegen quasi gottähnliche Superhelden ausrichten?

Ein patriotischer Albtraum

Die Dekonstruktion der Superhelden in den Comics von Garth Ennis und Darrick Robertson auf denen die Serie basiert, erinnert an Alan Moores ‹The Watchmen›. Die Frage, was Menschen mit unglaublicher Macht wirklich tun würden, beantworten beide deutlich: der Gutmensch Superman ist eine Illusion. Wer unbesiegbar ist, hält sich an keine Regeln.

Das sieht man an Homelander (Antony Starr), der scheinbar der patriotische aller Helden ist: Sein Umhang ist die amerikanische Flagge, sein Name macht klar, dass er für sein Heimatland kämpft. Hinter dem ständigen Grinsen des all-American Sunnyboys ahnt man aber das Psychopathische. Starr gelingt, das Unheimliche erahnen zu lassen, lange bevor es sich konkret äussert.

Homelander (Antony Starr) mit seinen Fans.

Im Gegensatz zu ‹Watchmen› — von dem es auch bald eine neue Fernsehserie gibt — ist ‹The Boys› aber nicht exzessiv düster. Die Serie hat Tempo, das von einem gut kuratierten Soundtrack angetrieben wird. Auch an Humor mangelt es nicht, wenn er auch öfters von der ziemlich schwarzen Seite ist.

Beides kommt zusammen, als Butcher, ein brutaler, leicht gestörter Mann mit pechschwarzem Vollbart seinem Team von knallharten Typen einen Pep-Talk hält, in dem die Spice Girls als Vorbild hochgehalten werden. Natürlich läuft dann ‹Wannabe› in der nächsten Szene, als es einem Delfin an den Kragen geht.

Die misshandelte Frau als Motivation

Es sind häufig Frauen, die in ‹The Boys› Opfer von Gewalt werden. Ihr Leiden motiviert die männlichen Helden. Dieser Topos, der in Comics häufig vorkommt, wird auch Fridging genannt, nach einem Comicbuch, in dem die tote Freundin des Helden im Kühlschrank verstaut wurde und er sie dann rächt. ‹The Boys› gibt allerdings einigen Frauen auch die Möglichkeit, sich selbst zu retten. In einer unangenehm anzuschauenden Szene wird zudem ein Mann Opfer von sexueller Gewalt. Damit wird das starre Gendering von Opfer und Täter zumindest ein wenig aufgeweicht. Da die Serie der Comic-Ästhetik verpflichtet ist, wirkt die Gewalt oft überspitzt und damit weniger real. Ansonsten würde man die acht Episoden nicht aushalten.

Am Ende der Staffel hat man den Eindruck erst einen Bruchteil der Welt von ‹The Boys› kennengelernt zu haben, viele Handlungsstränge werden erst aufgegleist und enden in einem Cliffhanger. Glücklicherweise ist die Serie ist bereits für eine zweite Staffel verlängert worden.

‹The Boys› ist auf Amazon Prime zu sehen.

Erstellt: 08.08.2019, 21:07 Uhr

ZSZ-Mitarbeiterin Olivia Tjon-A-Meeuw liebt Kinosäle, steht zu ihrer Netflix-Sucht und hasst nichts so sehr wie Spoiler. An dieser Stelle bloggt sie über ihre Leinwand- und Streaming-Erlebnisse und bewertet Filme und Serien. ot_a_m auf Instagram.

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