The Take

Meine Filme am Zurich Film Festival

Am ZFF laufen so viele Filme, dass niemand alle schauen kann. Unsere Autorin hat sich daher in weiser Voraussicht beschränkt — und ist trotzdem gescheitert.

Da ist die Welt noch in Ordnung: Kena (Samantha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyiva)aus dem kenianischen Festivalbeitrag ‹Rafiki›(von links).

Da ist die Welt noch in Ordnung: Kena (Samantha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyiva)aus dem kenianischen Festivalbeitrag ‹Rafiki›(von links).

162 Filme sind dieses Jahr am Zurich Film Festival zu sehen. Klar, dass ich mir nicht alle anschauen kann. Zum Glück interessieren mich bei weitem nicht alle. Doch sogar an meiner zusammengestutzten Liste bin ich auch dieses Jahr wieder gescheitert. 24 Filme war das Ziel. Bis jetzt habe ich elf gesehen, fünf kommen noch dazu. Die restlichen sind aus dem Programm gefallen, weil Screenings verschoben wurden, die Arbeit dazwischenfunkte oder ich einfach keine Lust mehr hatte. Worte, von denen ich nie dachte, dass ich sie einmal äusseren würde. Darum ist die Auswahl an Kurzrezensionen die hier folgt, ziemlich zufällig. Aber dafür geht man ja an ein Filmfestival, um diesen einen Zufallsfund zu machen.

‹The Sisters Brothers›

Ein Western von Regisseur Jacques Audiard, der mit einprägsamen Bildern aufwartet. Joaquin Phoenix und John C. Reilly sind die Sisters Brüder, die berüchtigtsten Kopfgeldjäger in den 1850er Jahren in Oregon. Sie verfolgen einen Goldschürfer (Riz Ahmed) gen Westen, mithilfe des überlegten John Morris (Jake Gyllenhaal). Die ausgezeichneten Schauspieler können nicht darüber hinwegtäuschen, dass unklar bleibt, warum genau diese Geschichte erzählt werden musste.

‹Leave No Trace›

Ein Vater (Ben Foster) und seine Tochter (Thomasin McKenzie) leben am Rande der Zivilisation in einem Naturschutzgebiet in der Nähe von Portland, Oregon. Als die beiden von der Polizei aufgegriffen werden, müssen sie sich wieder in der Gesellschaft zurechtfinden. Ihre Reaktionen sind sehr unterschiedlich und so wird das enge Band zwischen Vater und Tochter getestet. Regisseurin Debra Granik gibt nach ‹Winter’s Bone› erneut der marginalisierten weissen Unterschicht eine Stimme. Doch der Film ist so zurückhaltend, dass er keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.

‹RBG›

Ruth Bader Ginsberg, Richterin am Obersten Gerichtshof in den USA, ist in den letzten Jahren zur Ikone geworden, zur Notorious RBG. Dieser Dokumentarfilm gibt eine Überblick über das beeindruckende Leben der Juristin, von ihrem Kampf gegen Geschlechterdiskriminierung in den siebziger Jahren bis zu ihrem Engagement als oberste Richterin. Julie Cohen und Betsy Wests Film ist für alle, die sich noch nie mit RBG auseinandergesetzt haben sicherlich interessant. Allerdings ist es ein sehr einseitiges Porträt geworden, kommen doch neben RBG nur Freunde und Familie zur Sprache.

‹Tell it to the Bees›

Lydia (Holliday Grainger) und Jean (Anna Paquin) verlieben sich eineinander (von links).

Lydia (Holliday Grainger) ist eine alleinerziehende Mutter, nachdem ihr Mann sie überraschenderweise verlassen hat. Keine einfache Situation in einer kleinen Stadt im Schottland der fünfziger Jahre. Ein Lichtblick ist die Freundschaft ihres Sohnes Charlie (Emun Elliott) mit der neuen Ärztin und Bienenzüchterin Jean (Anna Paquin). Die beiden Frauen kommen sich ebenfalls näher und die drei formen ein familiäres Gebilde, dass von der Gesellschaft mit Misstrauen gesehen wird. Ein hübscher Film über eine unmögliche Zuneigung.

‹La Petite Morte›

In diesem filmischen Essay geht die Schweizer Regisseurin Annie Gisler dem Geheimnis des weiblichen Orgasmus nach. Vier unterschiedliche Frauen erzählen ihr, wie sie den sexuellen Höhepunkt erleben. Dabei sind die Erzählerinnen durchaus eloquent und sorgen für einige Lacher. Sehr filmisch ist das Endprodukt allerdings nicht, sind doch die meiste Zeit einfach Köpfe zu sehen, die in die Kamera sprechen.

‹Rafiki›

In Nairobi verliebt sich die junge Kena (Samantha Mugatsia) in Ziki (Sheila Munyiva). In Kenia ist Homosexualität jedoch verboten und somit begeben sich die beiden in Lebensgefahr. In Kenia hat die Zensur ‹Rafiki› verboten. Regisseurin Wanuri Kahiu musste bis ans höchste Gericht gehen, welches das Verbot für sieben Tage aufgehoben hat, damit der Film sich für die Oscars qualifizieren kann. Was aussergwöhnlich ist, ist also, dass ‹Rafiki› überhaupt existiert. Als Film ist er ziemlich konventionell und hat leider einige gröbere Fehler im Schnitt.

‹Mamacita›

Als der mexikanische Regisseur José Pablo Estrada Torrescano fürs Studium nach Europa geht, verspricht seiner Grossmutter, Mamacita, dass er eines Tages einen Film über sie drehen wird. Dieses Versprechen hat er nun eingelöst und eine intime, liebevolle Doku über eine komplexe Frau gedreht. Familiengeheimnisse und Katharsis inklusive.

‹Monsters and Men›

In seinem Erstlingswerk erzählt Regisseur Reinaldo Marcus Green wie sich eine Schiesserei in Brooklyn — Polizisten erschiessen einen schwarzen Mann — auf drei Leben auswirkt: Manny (Anthony Ramos), der den Vorfall gefilmt hat, Dennis (John David Washington), ein schwarzer Polizist, der sich fragt, auf welcher Seite er steht, und der junge Baseballspieler Zyrick (Kelvin Harrison Jr.), der zwischen dem Kampf für sozialer Gerechtigkeit und seiner persönlichen Flucht aus der Armut hin und her gerissen ist. Ein gelungenes Debüt, das keine einfachen Antworten liefert.

‹The Raft›

1973 wollte der Ethnologe Santiago Genoves die Dynamiken von Konflikten und Gewalt erforschen. Er lud er zehn Personen aus der ganzen Welt dazu ein, mit ihm auf einem Floss den Atlantik zu überqueren, damit er die Gruppendynamik untersuchen konnte. In seinem Dokumentarfilm verbindet Marcus Lindeen die damaligen Erlebnisse mit der Reflexion der Expeditionsteilnehmer mehr als vierzig Jahre später. Dazu hat er das Floss nachgebaut, damit sich die Versuchspersonen zurückversetzt fühlen und sogar gewisse Momente nachspielen. Eine spannende Geschichte, die durch diese Herangehensweise extrem persönlich und dringlich erzählt wird.

Die ausführlicheren Rezensionen zu ‹A Star is Born› und ‹Green Book› finden Sie nebenan.

Erstellt: 06.10.2018, 20:18 Uhr

ZSZ-Mitarbeiterin Olivia Tjon-A-Meeuw liebt Kinosäle, steht zu ihrer Netflix-Sucht und hasst nichts so sehr wie Spoiler. An dieser Stelle bloggt sie über ihre Leinwand- und Streaming-Erlebnisse und bewertet Filme und Serien.

Artikel zum Thema

Variation in B-Moll

The Take In ‹A Star is Born› interpretieren Bradley Cooper und Lady Gaga eine altbekannte Geschichte neu und zeigen dabei, dass sie noch immer relevant ist. Mehr...

Zwei Freunde auf grosser Tour

The Take In ‹Green Book› lernen zwei grundverschiedene Männer eine Lektion über Rassismus und Toleranz. Das ist amüsant, aber oberflächlich. Mehr...

Die Tücken eines Filmfestivals

The Take Unsere Autorin verzweifelt am Zurich Film Festival beinahe. So viel Filme und so wenig Zeit. Da hilft auch der beste Plan nichts. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben