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Aufregen, leicht gemacht

Johannes Binotto macht sich Gedanken über die Empörungskultur im Internet.

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Es gibt den Witz vom Mann im Zug, der eine Banane aus der Tasche holt, sie schält, mit Senf bestreicht und sie dann aus dem Fenster schmeisst. Als er das bei der dritten Banane so gemacht hat, fragt ihn der Passagier gegenüber: «Sie mögen wohl nicht gerne Bananen?» Darauf antwortet der Mann: «Doch sehr, aber nicht mit Senf.»

Einen absurden Witz nennt man das. Nur bin ich mir heute gar nicht mehr sicher, ob er wirklich so absurd ist oder nicht vielmehr ein absolut lebensnahes Porträt dessen, wie wir uns tagtäglich benehmen. Denn ziemlich ähnlich, wie dieser seltsame Mann, der sich erst Senf auf die Banane schmiert, um sie dann wegschmeissen zu können, so ist auch unser Onlineverhalten.

Wer zum Beispiel gemeint hat, die sozialen Netzwerke seien dazu da, um Gleichgesinnte zu finden, der ist ganz offensichtlich noch nie im Netz gewesen. Viel beliebter nämlich, als sich über gleiche Interessen zu freuen, ist es, sich über unterschiedliche Ansichten aufzuregen.

Die Leute wenden gar extra Zeit dafür auf, in den Weiten des Netzes das zu suchen, womit sie partout nicht einverstanden sind.

Da muss zum Beispiel nur mal jemand auf Twitter bekannt geben, er esse gerne Austern, und im Handumdrehen wird er unter seiner Nachricht empörte Repliken finden von Leuten, die Austern schon immer eklig fanden.

Eine Frau, die erklärt, Fussball das Letzte zu finden, ruft damit ganze Teams von Männern aufs Feld, die ihr in lauter Grossbuchstaben erklären, warum sie unrecht habe. Und damit kommt sie noch glimpflich davon. Stellen wir uns nur mal vor, welch wüste Beschimpfungen sie sich anhören müsste, wenn sie beispielsweise gesagt hätte, sie fände nicht nur Fussball, sondern auch Kinder das Letzte.

Ja, die Leute wenden gar extra Zeit dafür auf, in den Weiten des Netzes das zu suchen, womit sie partout nicht einverstanden sind, wobei man umso lieber durch die Decke geht, je weiter man weg und je weniger man davon eigentlich betroffen ist, und regt sich etwa tierisch über angebliche (meist aber inexistente) Redeverbote an amerikanischen Unis auf, obwohl man selber weder in Amerika noch an einer Uni ist.

Wenn das Schule macht, wird es in Zukunft im Theater zu Buhrufen kommen von denen, die statt Theater lieber eine Oper sehen möchten. Kleiderläden werden verwüstet, weil es in ihnen keine Bohrmaschinen zu kaufen gibt, und in der Pizzeria brüllen die Gäste rum, warum es denn hier keine Rösti gebe – Hauptsache, wir haben was, was uns nicht passt.

Erstellt: 15.01.2020, 10:02 Uhr

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