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Carpe diem

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Zuerst habe ich den Satz übersehen, ganz am Schluss auf dem Brief der Kantonsschule Rychenberg. Ja, dieser ominöse Brief mit dem Resultat der Gymiprüfung, in der letzten «Spielplatz»-Kolumne so sehnlichst erwartet, ist hier nochmals das Thema. Er braucht eine Nachbearbeitung.

Zunächst interessierten natürlich nur die ersten Abschnitte, mit dem Ergebnis und den Noten. Bestanden! Uff. Der Rest ging dann im Jubel unter. Nach ein paar Gläsern Champagner (bzw. Sirup) liest man doch noch zu Ende – und stolpert: «Wir hoffen, dass S. die Zeit bis zum Start der Probezeit gut nutzt, und wünschen ihr für diese jetzt schon alles Gute.» Eine absolute Spassbremse als Schlussgruss. Nicht zu lange feiern. Zeit nutzen. Nie locker lassen. Büffeln. Denn die Probezeit droht.

Aus Gwunder haben wir uns von einer Freundin ein Handyfoto des letztjährigen Briefes zuschicken lassen. Und siehe da, damals lautete der Schlusssatz: «Wir gratulieren Dir, C., herzlich zur bestandenen Prüfung.» Ist an der Kantonsschule im Verlauf des letzten Jahres eine emotionale Eiszeit angebrochen? Oder gab es eine andere pädagogische Klimaveränderung? Die unterzeichnende Prorektorin ist jedenfalls noch dieselbe.

Die neue Briefversion passt zweifellos besser zum aktuellen Zeitgeist. Effizienz steigern. Potenzial ausschöpfen. Sich selbst optimieren. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen. Ein halbes Jahr Müssiggang bis zum Start der Probezeit wäre definitiv eine schlimme Form von Zeitverschwendung, endlich hat das auch die Kantonsschule Rychenberg gemerkt.

Setzen wir die Zeit darum gleich sinnvoll ein – für eine erste Lateinlektion und übersetzen frei «Nutze die Zeit» in «Carpe diem», die Zeile des römischen Dichters Horaz, die zum geflügelten Wort geworden ist: «Nutze den Tag!» Das Schöne am Sprichwort: Wie die Nutzung genau zu verstehen ist, bleibt den Lesenden überlassen. Das lateinische «Carpe» (wörtlich: Pflücke!) ist mehrdeutig: Pflückt man eine blaue Blüte beim Spaziergang über eine Blumenwiese? Oder eine Tonne Äpfel in ­Akkordarbeit auf der Plantage?

«Carpe diem» übersetzt auch der Lehrer John Keating alias Robin Williams im (auch 19 Jahre nach seinem Erscheinen noch empfehlenswerten) Film «Der Club der toten Dichter». Er deutet den Spruch so: «Nutzt den Tag, Jungs. Macht etwas Aussergewöhnliches aus eurem Leben.» Daraufhin ziehen die Schüler los, bekiffen sich in einer Waldhöhle, baggern die Mädchen des Nachbarorts an und stellen die Schule auf den Kopf. Ob die Prorektorin an diesen Film gedacht hat, als sie den Schlusssatz im Brief geändert hat? Dann können wir Eltern ja unbesorgt sein. (Landbote)

Erstellt: 10.04.2018, 10:06 Uhr

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