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Der vergessene Schulthek

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Zmorge serviert, Znüni abgepackt, Zähne geputzt, Kinder aus dem Haus und unterwegs in die Schule. Kurz vor acht Uhr, Ende der Morgenschicht im Familienhaushalt.

Doch was steht da noch neben der Wohnungstür? Ein Schulthek. Eines der drei Kinder hat heute nicht nur den Schlüssel fürs Veloschloss, das Kontaktheft, die Znünibox oder den Turnsack vergessen, sondern gleich den ganzen Tornister. Man könnte meinen, dass man es sogar zwischen allem Geplauder und Geträume merken müsste, wenn das Gewicht auf dem Rücken für einmal fehlt. Aber wie auch immer, darum geht es jetzt nicht.

Sofort flitze ich ans Telefon. Die betreffende Tochter geht am Morgen immer bei einer Freundin vorbei, vielleicht kann ich sie dort noch abfangen und auf das Versehen aufmerksam machen. «Nein, die sind auch hier schon weg», sagt die Mutter am anderen Ende. Als sie den Grund für den Anruf erfahren hat, fügt sie ­schnippisch an: «Da bin ich ja gespannt, was du als Helikoptervater jetzt machst.» Helikoptervater? Auch das ist jetzt egal. Rasches Handeln ist gefragt. Denn für mich ist der Fall klar: Schon binde ich die Schnürsenkel des ersten Turnschuhs, um dem vergesslichen Kind den Thek hinterherzutragen.

«Wo willst du denn jetzt hin?» Meine Frau hat mich ertappt. Die Tochter sei jetzt alt genug, sie müsse selbst an ihr Zeug denken. Ob es mir denn nicht peinlich sei, mit dem Thek in der Hand an der Schulzimmertür zu klopfen. Ja, Helikoptervater stimme ganz genau. Es sei ja klar, dass die Kinder nie selbstständiger werden, wenn man ihnen immer alles nachträgt.

Meine Gegenargumente: Die frischen Erdbeeren im Znüni würden sonst verfaulen. Sie braucht doch ihre Schreibsachen und ihre Ufzgi für den Unterricht. Und es wäre für mich ja nicht so ein grosser Umweg. So geht die Diskussion hin und her.

Bis sich die Frage, ob ich noch mit dem Thek in der Schule vorbei soll, erledigt hat: Ich muss jetzt pünktlich ins Büro, der Thek bleibt zu Hause. Manchmal löst die fortgeschrittene Zeit die grundsätzlichsten Erziehungsfragen ganz von alleine.

Nachtrag 1: Am Abend wird der Vorfall am Nachtessentisch nochmals verhandelt. Der Kommentar der betroffenen Tochter: «Ich habe den halben Morgen über befürchtet, dass du noch in der Schule an die Tür klopfst und den Thek vorbeibringst. Das wäre sooo peinlich gewesen.»

Nachtrag 2: Eine Woche später rufe ich um acht Uhr morgens einen Kollegen auf dem Handy an. Er ist leicht ausser Atem, denn er steht gerade mit einem vergessenen Turnsack vor der Schulzimmertüre seines Sohnes. You never walk alone.

(Landbote)

Erstellt: 29.05.2018, 09:29 Uhr

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