Tribüne

Die grosse Show im Bundeshaus

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Bundesratswahlen zaubern mir jedes Mal ein ­Lächeln ins Gesicht. Dann verwandeln sich die Politjour­nalisten plötzlich in Sportreporter. Alle hoffen auf eine möglichst spannende Wahl! Wieso eigentlich? Für das Funktionieren der Gesellschaft wären klare Verhältnisse weit besser als eine Patt-Situation mit Verlängerung und Penaltyschiessen.

Egal: Endlich einmal ein bisschen Spannung im eigenen Job! Wie bei einem Fussballspiel wird ein umfassendes Radio- und TV-Programm auf die Beine gestellt, mit Vorschauen, Liveberichterstattung, Interviews und Analysen. Wenn die Luft schon um 11 Uhr draussen ist, wen interessieren dann aber noch die grossflächig bis 20 Uhr vorbereiteten Sendungen? Es muss einfach spannend werden!

Dann geht ein unglaubliches Kasperlitheater los. Er muss nun so tun, als sei er begeistert! That’s Showbusi­ness!

Die Medien lieben die einzelnen Bundesräte – sie sind sozusagen unser eidgenössischer Königshaus-Ersatz –, nicht aber den Bundesrat als Gremium. Denn was immer er beschliesst, es sind mindestens vier dafür verantwortlich, zum Leidwesen der Bericht­erstatter, die es lieber persönlich hätten. Doch Doris Leuthard ist nicht alleine schuld an der Medienpolitik, Ueli Maurer nicht Alleinverantwortlicher für die Finanzen, Ignazio Cassis macht unsere Aussenpolitik nicht im Alleingang.

Alle sieben entscheiden, manchmal ist der zuständige Bundesrat in der Mehrheit, manch­mal in der Minderheit. In einigen Fällen wird aufgrund der Parteizugehörigkeit klar, dass derjenige Bundesrat, der ein Geschäft nach aussen zu vertreten hat, intern in der Minderheit gewesen sein muss. Dann geht ein unglaubliches Kasperlitheater los. Er muss nun so tun, als sei er begeistert! That’s Showbusi­ness! Dieses unwürdige Schau­spiel könnte man leicht been­den, wenn ausnahmsweise eine oder einer aus einem anderen Departement einspringen würde.

Gesucht ist also ein Opferlamm, das behauptet, keines zu sein, damit die Sache nicht allzu künstlich heraus­kommt.

Zurück zur Bundesratswahl: Natürlich soll das Parlament eine Auswahl haben. Aktuell ist aber allen klar, dass Karin Keller-Sutter die richtige Person ist und gewählt werden wird. Gesucht­ ist nun aber noch eine Show-Kandidatur, damit das Kriterium der Auswahl formell eingehalten wird. Gesucht ist also ein Opferlamm, das behauptet, keines zu sein, damit die Sache nicht allzu künstlich heraus­kommt. Kasperlitheater! Natürlich hat FDP-Chefin ­Petra ­Gössi sich gehütet, sich in diese Verliererposition zu begeben. Showtaugliche Begründung: Sie habe sich schon als Parteipräsidentin committet. Dies erklärte sie mehrmals, und zwar immer wörtlich gleich. Committed? Ich committe mich, du comittest dich, er comittet sich … Englisch, die Sprache des Showbusiness, da haben wirs!

Vielleicht stimmt der bösartige Spruch halt doch: «Politics is showbusiness for ugly people», also «Politik ist Showbusiness für weniger gut aussehende ­Leute». Natürlich gibt es auch gut aussehende Politikerinnen (hier sind für einmal die Männer nur mitgemeint).

Wie auch immer: Viel Ver­gnügen bei der Show am nächsten Mittwoch. Es wird bestimmt spannend!

(Der Landbote)

Erstellt: 01.12.2018, 15:15 Uhr

Bernard Thurnheer ist Sport­reporter und wohnt in Seuzach.

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