Kolumne

Es kommt nichts mehr

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Ein Regentag, unterwegs im Zug. Eine Familie steigt zu mit einem kleinen Jungen. Er zieht die Stiefel aus und sein Regenmäntelchen, dann kniet er sich auf die Sitzbank und schaut aus dem Fenster. Die Landschaft zieht vorbei, die Regentropfen zeichnen kleine Bäche an die Aussenscheibe. Der Junge sieht unverwandt hin­aus. Plötzlich wird es dunkel, ein Tunnel. Der Junge rutscht von der Sitzbank, zieht seine Stiefel an und packt sein Regenmäntelchen. Seine Mutter fragt: «Wo willst du hin?» – «Wir können gehen», erwidert der Junge: «Es kommt nichts mehr . . .» Schmunzeln im Zug, Schmunzeln, als mir eine Freundin diese Begebenheit erzählte. Und doch, die kleine Alltagsgeschichte geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ist es nicht eine Lebensgeschichte im wahrsten Sinn des Wortes? Wir sind mitten im Leben, Regentage, Sonnentage, das Leben läuft, der Zug rollt, und plötzlich wird es dunkel. Der jähe Tod eines lieben Menschen, die schlechte Diagnose beim Arzt, Job verloren, wegrationalisiert, zerbrochene Partnerschaft . . . Ich könnte die Liste lange fortsetzen.

Wir sind mitten im Leben, Regentage, Sonnentage, das Leben läuft, der Zug rollt, und plötzlich wird es dunkel.

Plötzlich wird es dunkel, der Zug rollt zwar weiter, aber irgendwie ohne uns. «Es kommt nichts mehr», meint der kleine Junge. Tunnelerfahrungen, das Leben geht weiter ohne uns, die Welt stürzt innerlich in sich zusammen, es scheint nichts mehr zu geben, der Boden unter den Füssen ist weg, keine Gegenwart und schon gar keine Zukunft. Soll ich Ihnen nun mit dem Glauben kommen, mit einem frommen Spruch? Müsste ich das, als Theologin, von Berufs wegen gläubig? Ich kann es nicht, und ich will es nicht. Zu oft werden die frommen Decken ausgelegt. «Es gibt die Würde der Untröstlichkeit», schreibt ein bekannter Theologe. In solchen Situationen sind wir als Mitmenschen her­aus­gefordert. Das kann ich zu spüren geben, dass ich da bin, dass ich es zulasse die Trauer, die Tränen, den Schrei, die Wut mitzutragen.

«Die schwersten Wege werden alleine gegangen», schreibt Hilde Domin. Wie recht sie doch hat, die Tunnelerfahrung muss durchgegangen sein. Letztlich bin ich allein mit meiner Dunkelheit, und doch tut es gut, Menschen zu wissen, die vielleicht in diesen Stunden den Arm um mich legen, mit mir schweigen, die es zulassen, dass der Tunnel oft verdammt lang sein kann und das Licht am andern Ende auf sich warten lässt. Ja, und vielleicht ist unter diesen lieben Menschen einer, der um Kraft bittet für mich, um Licht am Ende des Tunnels. Ja, vielleicht ist der eine oder andere da, der für mich betet und ­jene Kerze anzündet, die durch den Tunnel führt.

Erstellt: 07.10.2016, 16:58 Uhr

Monika Schmid ist Theologin und Gemeindeleiterin der katholische ­Pfarrei St. Martin in Illnau-Effretikon. (Bild: Heinz Diener)

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