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Gefahr der Empfehlung

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«Was können Sie mir empfehlen?», so fragen wir im Restaurant angesichts von Tagesangeboten und langer Weinkarte und folgen denn auch gehorsam den weisen Tipps der Kellnerin.

Wie gesagt, im Restaurant ist das so. In der Familie nicht. Dort nämlich sind Empfehlungen viel problematischer, um nicht zu sagen: hochgefährlich. Wenn ich dem Nachwuchs beim kräftigen Bearbeiten eines Stücks Sperrholz an der Werkbank im Keller empfehle, statt dem Meissel vielleicht doch eher eine Säge zu nehmen, dann ist der Wutausbruch so gut wie sicher und führt unweigerlich dazu, dass die Bastelarbeit kurzerhand für beendet erklärt wird. Ich müsste es ja wissen. Bei mir war es nämlich genauso.

Aus dem Mund des eigenen Vaters kommt ein Lesetipp einer Verdammung gleich

Mit einem Büchernarren als Vater wurde ich zum Beispiel schon früh mit vielen tollen Lesetipps versorgt, was natürlich jeweils total kontraproduktiv war. «Das musst du unbedingt mal lesen» – wird dieser Satz unter Gleichaltrigen geäussert, ist er das höchste Gütesiegel, das ein Buch bekommen kann.

Aus dem Mund des eigenen Vaters hingegen kommt es einer Verdammung gleich, und das Buch wandert mental sogleich auf den privaten Index. Das hat wohl irgendwas mit dem Ödipuskonflikt und der Rivalität mit dem Vater zu tun. Wobei auch die Empfehlungen meiner Mutter kaum eine Chance gehabt haben, gegen den Widerstand meines kind- und jugendlichen Eigenwillens bestehen zu können.

So hab ich ganz viele tolle Bücher überhaupt erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter gelesen – erst dann nämlich, wenn ich bereits genügend vergessen hatte, dass sie mir vom Vater einst nahegelegt worden waren. Nun könnte ich ihm natürlich auch das zum Vorwurf machen, nämlich dass ich so viele Sachen erst so spät entdeckt habe, weil es mir seine Empfehlung unmöglich gemacht hatten, sie früher zu geniessen. Vor allem aber hat das zur Folge, das sich mir nun bei den eigenen Kindern immer auf die Lippen beissen muss.

Entdecke ich zum Beispiel einen meiner Buben bei der Lektüre von «Tim und Struppi», dann muss ich mich innerlich sofort am Zügel reissen. Jetzt nur ja nichts anmerken lassen und durch die eigene Begeisterung die Begeisterung des Nachwuchses zerstören. Ich kann mich ja dann später freuen, heimlich im Badezimmer, wenn es die Kinder nicht sehen. Ach, was ist das Elternsein doch anstrengend!

Erstellt: 02.05.2019, 09:58 Uhr

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