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Hi-Fi XXL

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Jetzt hat er mich nun also doch verlassen, der alte Freund. Der Verstärker meiner einstigen Stereoanlage hat letzte Woche noch ein letztes Mal gehustet und ist dann für immer verstummt. Vor 26 Jahren hatte ich ihn mir gekauft, vom Geld, das ich bei meinem ersten richtigen Ferienjob verdient hatte, bei der Kanalisationsreinigung.

Glanz und Elend so eng beieinander: zwei Wochen stinken, um endlich das blitzende Gerät meiner Träume kaufen zu können. So ein richtig grosses Ding war der Verstärker, so wie damals überhaupt die Stereoanlagen immer möglichst gross sein und aus möglichst vielen Komponenten bestehen mussten.

Während ich selber grösser wurde, wurden umgekehrt die Geräte kleiner.

Ich weiss noch, wie ehrfürchtig wir alle bei Samuel im Zimmer sassen, der neuerdings so einen riesigen CD-Wechsler hatte, wo man gleich fünf Scheiben aufs Mal reintun konnte, auf so einem Drehteller, wie für die Konfitüreschälchen beim Hotelfrühstücksbuffet. Und wenn dann bei der Zufallswiedergabe lange der Motor ratterte, um vom fünften Stück auf dem AC/DC-Album direkt zum zweiten Track auf der Dr.-Alban-Single zu wechseln, nickten wir anerkennend.

Oder die Stereoboxen von Michael, wegen deren er die Tür seines Kinderzimmers gar nicht mehr richtig öffnen und nur noch vom Kopfende her in sein Bett steigen konnte. Wir alle gingen damals davon aus, dass wir dereinst mal in weitläufigen Lofts leben würden, mit riesigen weissen Wänden, vor denen sich unsere Geräte würden aufschichten lassen zu Totempfählen des wattstarken Musikgenusses, zu Leuchttürmen hochwertiger Unterhaltungstechnik.

Während ich aber selber grösser wurde, wurden umgekehrt die Geräte kleiner und die Dimensionen der eigenen Wohnung realistischer. Auch fand ich raus, dass nicht nur die Menschen, mit denen ich gerne zusammensitze, ihrerseits nicht gerne im Wohnzimmer um 35 Kilo Elektronik herumsitzen, sondern dass auch ich selbst Musik vor allem hören, nicht aber deren Abspielgeräte betrachten mag.

Und so zog sich denn auch mein ausladender Verstärker verstärkt zurück in Kommoden und unter Schränke, um dort schmollend vor sich hin zu brummen, bis letzte Woche. Nun wünsche ich ihm bei seiner Heimkehr in die ewigen Jagdgründe auf dem Recyclingareal alles Gute. Möge er dort auf liebe alte Bekannte stossen, die letzten Mohikaner jener Zeit, als wir phonotechnisch noch Grosses vorhatten.

Erstellt: 05.06.2019, 10:40 Uhr

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