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Krankheit als Chance

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In seinem längst zum Klassiker gewordenen Buch «Personal Space» beschreibt der Umweltpsychologe Robert Sommer den Unterschied zwischen persönlichem Raum und Territorium. Das Territorium ist das, was Hunde und Katzen markieren oder was wir mit Grenzen und Mauern umreissen und somit etwas genau bestimmbares.

Der persönliche Raum hingegen ist etwas, was wir die ganze Zeit mit uns herumtragen. Ob ich im Zug sitze oder auf dem Platz stehe, in der Badewanne liege oder durch den Wald renne: der persönliche Raum kommt immer mit.

Je nach Situation ist der persönliche Raum also grösser oder kleiner.

Noch interessanter als das aber ist, dass der persönliche Raum sich nicht nur problemlos verschieben lässt, sondern sich auch blitzschnell ausdehnen oder zusammenziehen kann.

Wir kennen das vom Zugfahren: Wenn ich da alleine im Waggon sitze und jemand setzt sich ausgerechnet auf den Sitz neben mir, dann empfinde ich das als massiv irritierend. Wenn hingegen der ganze Waggon voll ist und es setzt sich dann jemand neben mich, dann ist das voll in Ordnung. Je nach Situation ist der persönliche Raum also grösser oder kleiner.

Das beobachte ich auch jetzt grad in diesen Tagen bei mir, weil ich nämlich krank zuhause im Bett liege, während ich diese Kolumne schreibe. Je elender man sich fühlt, umso kleiner wird der persönliche Raum bis er nur noch so gross ist, wie das Bett selbst. Was da draussen jenseits der Bettkante passiert, das ist mir ziemlich schnuppe und so wurde mir klar, das man das eigentlich ganz geschickt ausnutzen könnte.

Wer zum Beispiel Schallplatten ausleihen möchte, die ich sonst wie meinen Augapfel hüte, hätte jetzt einfaches Spiel. Auch Umbauten und Möbelumstellungen in der Wohnung, gegen die ich mich immer sträube, wären mir jetzt wo ich die Wohnung eh nicht mehr als persönlichen Raum empfinde, ganz egal.

Wer also über einen Lebenspartner verfügt, der, wie ich, sich eher widerborstig zeigt, allen Neuerungen gegenüber, sollte im Falle einer Grippe nicht nur Kamillentee bereit stellen, sondern auch die Handwerker rufen. Endlich nackt durch die Wohnung tanzen und dazu Pizza essen und auf dem Boden verteilen – jetzt ist die Chance!

Ihr Partner kann sonst in den gemeinsamen persönlichen vier Wänden noch so prüde und auf Sauberkeit bedacht sein, heute wird es ihnen garantiert nicht übel nehmen.

Erstellt: 18.06.2019, 16:31 Uhr

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