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Spielplatzkolumnist Jakob Bächtold sinniert über die Nebenwirkungen von Leseexzessen.

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Zur Geisterstunde kam ich letzten Freitag von einem Fest nach Hause. Die ganze Wohnung war dunkel und ruhig, ich schlich auf den Zehenspitzen. Doch Moment! Beim Zimmer der grössten Tochter schimmerte Licht durch den Spalt der schwellenlosen Tür. Und tatsächlich, die 13-Jährige lag munter lesend im Bett.

«Was schon so spät?», sagte sie verwundert. Sie habe um halb zehn das Buch aufgeschlagen, und seither gelesen, drei Stunden lang. Diesen Flow ausgelöst hat kein Stück Weltliteratur, sondern ein Fantasy-Roman mit dem Titel «Wütender Sturm», selbst über 500 Seiten dick und Teil einer Serie mit Tausenden von Seiten. Offenbar mit Suchtpotenzial.

Würden die Kinder im selben Masse auf dem Handy spielen, hätten wir längst die Notbremse gezogen. Bei Leseexzessen liegt die Toleranzgrenze hingegen viel höher.

Jahrelang haben wir den Kindern vorgelesen, ihnen Bücher gekauft, sie in die Quartierbibliothek geschleppt. Jetzt stellt sich plötzlich die Frage: Haben wir es mit der Leseförderung übertrieben? Denn auch die mittlere Tochter zeigt Suchterscheinungen. Kürzlich wollte ich sie morgens um sieben für die Schule wecken, da brannte auch hier die Leselampe. Gemäss eigenen Angaben las sie zu diesem Zeitpunkt schon eine knappe Stunde Harry Potter. Nur die jüngste, neunjährige Tochter bevorzugt derzeit noch Hörspiele und -bücher. Da sind die durchwachten Nachtstunden kein gröberes Problem: Schon nach wenigen Kapiteln schläft sie jeweils ein.

«Ich kann es nicht fassen! Jetzt ist Professor Dumbledore ermordet worden.»

Was bei der Vielleserei auffällt: Würden die Kinder im selben Masse auf dem Handy oder Tablet Computerspiele spielen, hätten wir längst die Notbremse gezogen. Bei Leseexzessen liegt die Toleranzgrenze hingegen viel höher. Und während Artikel über die Gefahren von Social Media und Computerspielen in keinem Elternmagazin fehlen, ist mir über die Risiken von nächtlichen Lesestunden wenig bekannt – hoffentlich weil diese so gering sind. Auch im Gespräch mit anderen Eltern, ist der Tenor, man solle doch froh sein, wenn der Nachwuchs so fleissig liest.

Ganz ohne Nebenwirkungen bleibt jedoch auch das Lesen nicht. Die erste ist finanziell: Seit die Kinder mit ihren eigenen Mitgliederkarten in die Bibliotheken gehen, haben wir den Überblick über die ausgeliehenen Bücher längst verloren. Die Folge: Die Stadt Winterthur verdient gut an unseren Mahngebühren. Die zweite Nebenwirkung betrifft die Gefühlswelt: Kürzlich trampte ich ins Zimmer der mittleren Tochter und fand sie Tränen überströmt im Bett vor. Neben ihr lag «Harry Potter und der Halbblutprinz». Sie schluchzte: «Ich kann es nicht fassen! Jetzt ist Professor Dumbledore ermordet worden.»

Erstellt: 20.01.2020, 13:50 Uhr

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