Tribüne

Naturschönheiten im Strohbett

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Als Archäologen vor Jahrzehnten in den Altstädten Europas nach Spuren des Spätmittelalters gruben, kam viel Alltägliches zutage: Zerschlagene Weinkrüge, abgebrochene Kabbismesser und löchrige Schuhsohlen. Und dazwischen fanden sich in den Latrinen der einstigen Bürgerhäuser auch kleine Tongefässe.

An deren Boden klebte eine harte schwarzbraune Masse: Reste von Erdbeer-Confitüre! Schon unsere Vorfahren vor 600 Jahren schätzten also die kleine Walderdbeere als Süssungsmittel im «Habermus» (dem Vorläufer des Bircher-Müsli) oder als Brotaufstrich.

Jetzt, da sich die Saison der Erdbeere dem Ende zuneigt, möchte ich der süssen Frucht ein Loblied singen.

Jetzt, da die Saison unserer heutigen, ursprünglich aus Südamerika stammenden Erdbeere zu Ende geht, möchte ich der süssen Frucht ein Loblied singen. Wochenlang hat sie unseren Speisezettel bereichert, war für wenige Franken am Strassenrand oder auf dem Wochenmarkt zu haben.

Fast jeder von uns hat spezielle Erdbeer-Vorlieben: Meine Gotte mochte sie klassisch mit «geschwungenem Niddel» (Rahm) und Kirschwasser, ein Wanderfreund liess sie mit Zitroneneis servieren, ein Verwandter, der in den USA lebt, hat Sehnsucht nach dem traditionellen Erdbeerkuchen der Heimat.

Ein junges, auf Smoothies versessenes Ehepaar jagt sie mit Ingwer und Joghurt durch den Mixer. Meine Mutter liess sie in einer spritzigen Sekt-Minze-Bowle schwimmen, ich verschlinge sie am liebsten pur oder auf Vanillecreme-Törtli.

Der Beginn meiner kulinarischen Liebe zur Erdbeere fällt zusammen mit meinen ersten Straftaten: Als Schüler eines christlichen Internats schlichen wir unter dem Zaun einer benachbarten Erdbeerplantage hindurch und frassen uns satt. «Mundraub ist erlaubt», hatten ältere Schüler behauptet.

Der Bauer vertrat einen strengeren Eigentumsbegriff: Er schoss mit Vogelschrot über unsere Köpfe. Bedauerlicherweise verstärkte diese robuste Abwehr den Reiz, in der Dämmerung, wenn der brave Landmann längst seinen Speck vesperte, in die Plantage einzubrechen. Doch irgendwann kamen die Mädchen, dagegen war der Erdbeerdiebstahl langweilig.

Volksglaube und Malerei haben die Erdbeere als Symbol der Sinnlichkeit und Lust dargestellt. Ich gebe es zu: Auch Jahrzehnte nach meinen jugendlichen Raubzügen durch die Reihen der strohgebetteten Naturschönheiten bin ich dem sinnlich-roten «Ebberi» noch immer verfallen. (Der Landbote)

Erstellt: 13.07.2018, 11:51 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der Städtischen Museen Konstanz und «Landbote»-Kolumnist. (Bild: Heinz Diener)

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