Kolumne

Säg du!

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Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Schnellzug. Ohne Halt bis ...? Keine Ahnung. Die Zieldestination des Zuges ist Ihnen nicht bekannt. Auch nicht der Fahrpreis. Womöglich landen Sie an einem Ort an dem Sie nie im Leben sein wollten, donnern mit Karacho in eine Wand oder sind am Schluss nicht in der Lage, das Zugticket zu bezahlen.

Sie wissen nur, dass Sie während dieser Reise immer wieder gefragt werden, ob Sie zum Beispiel bequem sitzen und ob Sie etwas an Ihrer Situation ändern wollen.

Ungefähr so wie bei Wahlen und Abstimmungen. Wäre die Schweiz ein Zug mit vier Waggons, hätten die Passagiere eines ganzen Wagens nichts zu melden, weil sie keinen roten Pass haben. Trotzdem bezahlen diese Fahrgäste Ticket und Steuern, wie alle anderen auch.

Wäre die Schweiz ein Zug mit vier Waggons, hätten die Passagiere eines ganzen Wagens nichts zu melden, weil sie keinen roten Pass haben.

In den drei übrig gebliebenen Waggons würde die Hälfte der Fahrgäste die Fragen der Lokführerin («Sollen wir die Heizung aufdrehen, die Minibar abschaffen, die Preise erhöhen?») mit Ja oder Nein beantworten. Nichtwähler_innen – zum Beispiel alle, die am Fenster sitzen – würden nur kurz von ihrem Handy aufblicken mit den Schultern zucken und nuscheln: «Kei Ahnig. Säg du!»

Wie im wahren Leben. Die Wahlbeteiligung in der Schweiz liegt bei 48,5 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten hat offenbar kein Interesse, das Land oder die Stadt, in der sie leben mitzugestalten.

Im unserem Fantasiezug würde deshalb ein einziger Erwachsener darüber entscheiden, ob drei Personen (Kinder inklusive) während der Fahrt frieren müssen. Ob es für alle Gipfeli gibt oder nur für ein paar wenige. Ob die Toiletten abgeschafft werden oder gar die Sitzplätze. Die schweigenden 51,5 Prozent hätten ebenfalls Einfluss nehmen können, doch sie haben entschieden, es nicht zu tun.

Natürlich kommt auch für Nichtwähler_innen der Moment, an dem ihr Magen knurrt oder sie die Kälte im Waggon zu spüren bekommen. Sie müssen auf die Toilette, ihr Akku ist leer, die Landschaft fliegt am Fenster vorbei, es wird langsam dunkel und sie fragen sich, was eigentlich los ist. «Warum hat ein anderer mein Gipfeli gegessen?», rufen sie nun entsetzt. Und spätestens jetzt wird einigen klar, dass sie etwas verpasst haben.

Wer keine Lust hat, Verantwortung für sein Nichthandeln zu übernehmen, wird sich beklagen («Die da oben sind Gangster!»). Womöglich sehen sie sich als Opfer der Politik oder gar der ganzen Welt. Doch die Sachlage ist viel einfacher als das: Wer gerne in einer Demokratie lebt, muss sich dafür einsetzen. Wer das nicht tut, obwohl er könnte, ist eben selber schuld. Oder etwa nicht? Säg du! (Der Landbote)

Erstellt: 23.02.2018, 16:48 Uhr

Fatima Vidal ist Kolumnistin und Autorin aus Winterthur. (Bild: jb)

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