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Barmherzigkeit, ein grosses Wort. Seit der Amtszeit von Papst Franziskus ist diese Jesuanische Aussage auch wieder ganz Zentral geworden in unserer Kirche. Gott sei Dank! Neben allem kirchenrechtlichem Formalismus betont Franziskus, dass die Barmherzigkeit über allem steht. Und doch stolpere ich gerade in den letzten Wochen über dieses Wort.

Ein Priester ist unmündigen Jugendlichen gegenüber übergriffig geworden. Nein, keine Vergewaltigung, er hat den Jugendlichen nur die Füsse massiert... Der Priester wird verurteilt. Ein paar Jahre später ist er wieder priesterlicher Mitarbeiter in einer andern Pfarrei.

Ein Teil der Leute schätzt ihn. Man fragt sich, ob er nicht Pfarrer werden könnte. Der zuständige Bischof will ihm eine zweite Chance geben, die hat jeder verdient, meint er. Er gibt der Kirchgemeinde sein Ja, den Priester als Pfarrer vorzuschlagen, mit Auflagen zwar, aber er sagt Ja.

Noch immer haben viele unserer Kirchenleute nicht begriffen, was Sache ist.

Nun regt sich Widerstand und die Medien bringen zutage, dass brisante Details, die zur Verurteilung des Priesters führten, nicht auf den Tisch gelegt wurden. Die Pfarrwahl findet nicht statt. Der zuständige Bischof wäscht seine Hände in Unschuld. Er versteckt sich hinter dem Persönlichkeitsschutz.

Der Priester hat durch seine Unehrlichkeit seine zweite Chance vertan. Verloren haben alle: Das Opfer, der Jugendliche oder die Jugendlichen wurden nicht mehr in den Blick genommen, die Pfarreileute wurden getäuscht und sind enttäuscht, die Pfarrei ist gespalten und zerrüttet, der Priester wird nun auch vom Bischof fallen gelassen und der Bischof selbst wirkt unglaubwürdig.

Sieht Barmherzigkeit so aus? Eine zweite Chance geben ist eine persönliche Entscheidung, und diese verdient Respekt. Ich kann sie aber nicht über die Köpfe hinweg, vor allem nicht ohne den Blick zu den Opfern, geltend machen.

Barmherzigkeit leben in dieser komplexen Situation sieht anders aus. Eine Anstellung in einer Pfarrei das geht nicht mehr. Das hätte dem Bischof klar sein müssen, schon als er den Priester als priesterlichen Mitarbeiter einsetzte. Zugleich hätte er ihm signalisieren können: Ich lass dich nicht fallen.

Du hast eine zweite Chance verdient. Ich unterstütze dich in einer Neuausrichtung, bei einer Weiterbildung in einem ganz anderen Bereich, damit du deine Existenz neu aufbauen kannst. Ich stehe zu dir.

Noch immer haben viele unserer Kirchenleute nicht begriffen, was Sache ist. Noch immer werden Übergriffe verharmlost. Und noch immer gilt die Priesterweihe mehr, als reife, menschliche Kompetenz.

Erstellt: 25.01.2019, 17:18 Uhr

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