Tribüne

Virenschleuder am Arbeitsplatz

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit Beginn der kalten Jahreszeit schlägt wieder ihre grosse Stunde. Eben aus dem Urlaub unter südlicher Sonne zurückgekehrt, werden sie krank – und schleppen sich dennoch zur Arbeit: Mit 38,5 Grad Fieber, rotglühender Rotznase und bullerndem Bronchialbass erscheinen sie eisern im Büro, die schwer erkälteten Virenschleudern, und zeigen uns, was sie alles aushalten.

Anfangs reagieren wir noch nicht Infizierten voller Mitleid, bedauern Pfnüsel, Gliederschmerzen und schlaflose Nächte der lieben Kollegen. In selten gelüfteten Büroräumen, an WC-Waschbecken und Türklinken aber haben ihre Viren mit den noch gesunden Kolleginnen und Kollegen leichtes Spiel.

Drei Tage nach dem ersten Auftritt der Virenschleuder kribbelt auch unsere Nase, schleicht sich das Frösteln in die Glieder. Einen weiteren Tag später haben auch wir Fieber und fallen aus.

Schlapp zu machen erscheint unter der Psycho-Glocke einer auf unverwundbar getrimmten Leistungswelt als uncool.

Gesundheitsforscher nennen diese besondere Form der Rücksichtslosigkeit «Präsentismus». In den westlichen Industrienationen sollen zwei Drittel der Beschäftigten zur Arbeitsstelle eilen, obwohl sie eigentlich ein paar Tage Bettruhe nötig hätten.

Die Ursachen sind vielfältig: Arbeitsüberlastung, Angst um den Arbeitsplatz und der Gruppendruck, der besonders stark ist in Grossraumbüros und in Unternehmen, deren Mitarbeiter ohne feste Sitzplätze arbeiten. Schlapp zu machen erscheint unter der Psycho-Glocke einer auf unverwundbar getrimmten Leistungswelt als uncool und verrät Schwäche.

Alles Quatsch, sagen die Gesundheitsforscher: Gerade die Kranken am Arbeitsplatz schwächen das Unternehmen, bauen selber häufiger Mist, weil sie nicht konzentriert sind und stecken den Rest der Belegschaft auch noch an.

Infektionskrankheiten im Büro verursachen also Schaden. Seinem Unternehmen dient dagegen, wer ein paar Tage im Bett bleibt. Viele Gesundheitsberater empfehlen folglich den Chefs, Erkältete und Grippekranke umgehend nach Hause zu schicken.

Obwohl mir das Feld der «Gesundheitsforschung» noch recht unbekannt ist, halte ich es als Chef meines Teams schon lange mit den ewig gültigen Ratschlägen meiner Grossmutter: Wer mit Triefnase im Büro auftaucht, wird mit Weisungen nach Hause geschickt: Frische Hühnersuppe mit Wurzelgemüse schlürfen, täglich 2 Liter Salbei- und Thymiantee mit Ingwer trinken, nachts Wollsocken an die Füsse und viel schlafen!

Befolgt man diese Tipps, dauert eine fette Erkältung nur maximal 7 Tage, ohne diese Tipps rund eine Woche.

Erstellt: 08.10.2019, 11:43 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der ­Städtischen Museen Konstanz und ­«Landbote»-Kolumnist.

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!