Winterthur

Winti hilft

Eine Kolumne von Franziska von Grünigen.

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Das schlechte Gewissen begleitete mich noch lange. In meiner letzten Kolumne berichtete ich an dieser Stelle, wie ich – schusslig wie ich bin – den Tagebuch-Schlüssel meiner Tochter verlegt hatte. Sie war verständlicherweise entrüstet und enttäuscht. «Du chaufsch mir jetzt en neue Schlüssel!» schrie mir die Tochter mit Tränen in den Augen ins Gesicht und ich hätte ihr Gebaren mit Sicherheit als schlechtes Benehmen getadelt, hätte ich mich nicht so schuldig gefühlt. Dass am Samstag kurz nach Ladenschluss kein Ersatz zu kaufen sei, stimmte sie nicht gnädiger.

Dann aber die zündende Idee: Wenn jemand helfen kann, dann die Facebook-Gruppe «Winterthurer helfed Winterthurer». Schon länger bin ich Mitglied der Gruppe und bleibe so auf dem Laufenden, wo den Winterthurerinnen und Winterthurern der Schuh drückt: Jasmin sucht Restauranttipps für ein Firmenessen, Sandra möchte sich austauschen über Zahnersatz in Ungarn, Tatjana sucht Kleider für einen Bekannten in einer finanziell schwierigen Situation. Reaktionen kommen postwendend und unbürokratisch.

«Sachen weitergeben und anderen eine Freude machen, statt sie fortzuwerfen»

Und neben denen, die Hilfe suchen, lebt die Gruppe auch von jenen, die gerne und von Herzen geben: Michaela verschenkt Kalziumpulver für Reptilien und Kleinsäuger - Fabienne nimmt es gerne für ihre Geckos. Alexandra hat ein Kaminöfeli mit künstlichem Feuer abzugeben und findet gleich mehrere Interessenten. Was dort alles angeboten oder gesucht werden darf, ist offen. Die einzige Bedingung: Es muss gratis sein und darf nicht weiterverkauft werden.

«Sachen weitergeben und anderen eine Freude machen, statt sie fortzuwerfen», das sei die Grundidee gewesen, sagt Gründerin Vreni Bosshard. Dass die Plattform unterdessen auch gebraucht wird, um unkomplizierte Nachbarschaftshilfe zu suchen, freut sie sehr: «Es findet sich Hilfe fürs Zügeln, um mal eine Lampe zu montieren, einem alten PC wieder auf die Sprünge zu helfen…». Und manchmal gibt es auch Hilfsaktionen, die Vreni und ihren beiden Mitstreiterinnen Rebecca Orler und Corinne Kuhn Tränen in die Augen treiben: Immer mal wieder wird beispielsweise ein leerer Kühlschrank kurzerhand von ein paar «guete Ängeli» gefüllt.

Wenn jemand helfen kann, dann «Winterthurer helfed Winterthurer», dachte ich also in meiner vergleichsweise kleinen Not und suchte in der Gruppe ein Ersatzschlüsseli für das Tagebuch meiner Tochter. Die Hilfe kam innert 15 Minuten von Deborah aus Pfungen. Der Schlüssel passte. Nicht nur zum Tagebuch, sondern auch zu meinem Herzen. Ihr helfenden Winterthurerinnen, ihr seid alle Gold wert!

Erstellt: 13.09.2019, 12:08 Uhr

Franziska von Grünigen ist Radiofrau und Winterthurerin.

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