Tribüne

Alltag im Gesundheitswesen

Eine Kolumne von Karl Lüönd.

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Sie au? Wie lang isch es här?
Sächs Wuche sit der OP.
Und Sie laufed no a de Stöck?
Bi mir chunnt äbe no s Chnüü dra, aber erst im Herbst. Z’erscht gömmer jetzt emal is Südtirol.
Ich ha’s no am Rugge. Kei Chance, so lang Auto z fahre.
Und wüssed’s, was es isch?
Er het s letscht Mal öppis gseit, aber ich ha’s nöd verstande. Alles latinisch und griechisch!
Ja, ja, die Tökter!

Die alternde Gesellschaft hat sich neue Statussymbole zugelegt. Bald wird es für glücklich überstandene Operationen Orden geben. Die stolzen Patienten werden herumhumpeln wie früher die hochdekorierten sowjetischen Generäle. Und an den Wappenwänden in den Zunfthäusern wird neben jeden Namen ein diskreter Pin gesteckt: K (Knie), H (Hüfte), R (Rücken).

Und wohi gönd Si i d Reha?
Appezäll isch no ganz agnehm. Und si choched cheibe guet.
Mier gönd halt immer uf Bad Ragaz, wägem Golfplatz.
Me cha jetzt glaub-i au mit em Rollator golfe. Es git eso Kürs...
Und was macht eigentlich de Ueli? Me ghört nüt meh von-em.
Er isch halt nümm diheime, er isch jetzt imene Heim.
Cha me ne bsueche?
Chasch scho, aber er wird di nümme kenne.
Was isch es de?
Was ächt?

Das Wort wird ungern ausgesprochen: Demenz! Es trifft auch die Tüchtigsten und Gescheitesten. Von Zeit zu Zeit besuchen wir Ueli in seinem neuen Heim. Die Klinik liegt auf zwei Etagen in einem Neubau und ist auffallend stark gesichert. Von aussen kein Hinweis darauf, dass hier dreissig Demenzkranke leben; es könnte auch ein Ingenieurbüro oder ein Callcenter sein. Die Tragödien werden diskret versteckt. Schön, dass Ueli uns noch erkennt und sogar mit Namen begrüsst! «Mir gaat’s guet», sagt er mehrmals. Sanftmütige Pflegerinnen und Pfleger, auffallend viele Farbige, kümmern sich um die Patienten. Die Damen und Herren sind ausgesprochen schweigsam. Kaum jemand liest. Die Pendlerzeitung liegt unbeachtet auf dem Tisch, neben dem «Eile mit Weile» und dem Halma. Am Lebensende kehrt der Mensch zu den Spielen der Kindheit zurück.

Draussen, vor der automatisch schliessenden Tür:
Und wenn’s eus au emal preicht?
Hoffentlich merk ich’s de no rächtzitig.

In der Schweiz ist die durchschnittliche Lebenserwartung seit 1998 stark angestiegen: bei den Männern von 76,3 auf 81,7, bei den Frauen von 82,5 auf 85,4 Jahre. Rechne!

Erstellt: 05.07.2019, 13:57 Uhr

Karl Lüönd, ist Publizist und Journalist.

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