Tribüne

Angst essen Seele auf

Eine Kolumne von Eva Ashinze.

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«Ich habe Angst», bekomme ich bei der Arbeit oft zu hören. Wer zu mir kommt, hat Angst vor der Abschiebung. Angst, die Kinder zu verlieren. Existenzangst. Ich verstehe diese Ängste. Ich kenne mich aus mit Angst. Seit der Geburt meiner Tochter habe ich mit einer Angststörung zu kämpfen. Die Konfrontation mit dem möglichen Tod meines Kindes warf mich komplett aus der Bahn.

Selbst nachdem es meiner Tochter wieder gut ging, legten sich meine Ängste nicht. Sie wurden – ähnlich dem Kopf der Hydra – immer mehr. Besiegte ich einen Angstanfall, tauchten zwei neue auf. Ich fürchtete mich vor Krankheiten, ich fürchtete mich vor Unfällen. Ich fürchtete die Höhe, die Dunkelheit und die Zukunft, denn die ist nicht vorhersehbar. Und am meisten fürchtete ich den Tod.

Den Höhepunkt erreichten meine Ängste, als eine meiner Klientinnen von ihrem Ehemann auf offener Strasse niedergeschossen wurde. Ich hatte Weiterbildungen zum Thema häusliche Gewalt besucht, Betroffene beraten. Ich war mit dem Thema vertraut. Trotzdem traf mich diese ungeheuerliche, unfassbare Tat mit voller Wucht. Hinzu kam der egoistische Gedanke: Was, wenn ein irrationaler, gewalttätiger Ehegatte mich, die Anwältin, zur Zielscheibe nimmt? Ein unrealistisches Szenario, aber kein nie dagewesenes. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich konnte nicht mehr arbeiten.

«Die Angst frass mein Innerstes auf, alles, was mich ausmachte.»

Der Titel eines Films von Rainer Werner Fassbinder lautet: «Angst essen Seele auf.» So ging es mir. Die Angst frass mein Innerstes auf, alles, was mich ausmachte. Ich holte mir Hilfe. Und ich schrieb an meinen Krimis. Wenn ich schreibe, verspüre ich keine Angst. Meine Protagonisten leben meine Ängste für mich aus. Ich kann nicht behaupten, dass ich mittlerweile komplett angstfrei bin. Noch immer wache ich mitten in der Nacht auf mit dem schrecklichen Gefühl, dass meinen Kindern etwas Schlimmes zustossen wird. Ohne Pfefferspray und Minialarm gehe ich nicht aus dem Haus.

Am Albanifest habe ich wagemutig eine Bahn bestiegen, die mich hoch und höher gewirbelt hat, bis ich das Dach des Oskar-Reinhardt-Museums von oben sehen konnte. Ich hatte Angst. Und ich habe mich ungemein lebendig gefühlt. Ich erobere mir meine Seele – Stück für Stück – zurück.

Zu meinen Klienten sage ich nie: «Sie müssen keine Angst haben.» Die Angst ist da. Sie ist real für den Verängstigten, so irreal sie zum Teil sein mag. Ich sage nichts. Ich höre erst einmal nur zu.

Erstellt: 06.09.2019, 13:24 Uhr

Eva Ashinze ist Anwältin und Krimiautorin und lebt mit ihrer Familie in Winterthur.

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