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Community? Nein danke!

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Heute kannst du nicht mehr einfach ein Mensch sein, der mal hier und mal dort einkauft, mal diese mal jene Hotel-Kette berücksichtigst, mal den einen, mal den anderen Radiosender hört.

Alle versuchen dich gleich als treuen, ewigen Konsumenten zu binden, der seine Wahl endgültig getroffen hat und die Konkurrenz fortan keines Blickes mehr würdigen wird. Du bist jetzt Teil der Community, profitierst von exklusiven Angeboten und wirst per Post und E-Mail dauernd mit «Informationen» beliefert.

Trotz der immer wieder sehr persönlich formulierten Anrede und den verständnisvollen Botschaften: Du bist nur ein Teil von «Big Data», nur ein Konsument, nur eine Kuh, die es zu melken gilt. Habe ich wenigstens in den Ferien Ruhe davon? Im Gegenteil!

Habe ich wenigstens in den Ferien Ruhe davon? Im Gegenteil!

Ich komme nach einer langen Autofahrt übermüdet im Hotel an. Ich will nur noch eines, mich ins Bett fallen lassen. Das geht aber nicht. Ich muss mich setzen, und eine Hotelangestellte preist mir nun die zahlreichen Möglichkeiten ihres Hauses an, Öffnungszeiten der Restaurants und Fitnessräume inklusive.

Kein Mensch kann sich diese geballte Ladung an Informationen merken, schon gar nicht in völlig übermüdetem Zustand. Aber dafür wird dir ja jetzt auch noch ein dickes Bündel Papiere in die Hand gedrückt.

Oder noch besser: «Geben Sie uns ihre E-Mail-Adresse. Am besten gleich auf dieses Formular, mit dem Sie ihre Mitgliedschaft bei uns beantragen. Ist völlig kostenlos und öffnet ihnen den Zugang zu drei exklusiven Klubräumen». «Darf ich nun ins Zimmer gehen?» « Gleich, sobald es freigegeben wird». «Freigegeben? Von wem? Warum? Wie lange kann das dauern?»

Ebenfalls häufig erlebt: Ich bin an einem für mich völlig fremden Ort angekommen und versuche die vielen neuen Eindrücke zu verdauen. Daraus wird aber nichts, denn beim Einchecken im Hotel werde ich sofort zu allerlei Entscheidungen gezwungen: Möchten Sie fürs Essen von heute Abend schon reservieren? Den Ausflug von übermorgen buchen? Sich für die Party vom Freitag einschreiben?

Der freundliche Tonfall der Hotelstochter verbietet es mir jedesmal, schroff «nein» zu sagen, obwohl mein müder Kopf genau das denkt: Nein, nein, nichts! Also dann: «Ein Tisch für zwei im Restaurant». Mein Magen knurrt tatsächlich ein bisschen. «Da ist erst ab 21.00 Uhr etwas frei». «Dann halt erst um 21.00 Uhr. Kann ich jetzt bitte meinen Schlüssel haben?»

Noch ein Beispiel: Ich übernachte in der Nähe des Flughafens, weil meine Maschine schon morgens um 7 Uhr geht. Ich checke um 23 Uhr ein. Das ist dem Receptionisten aber egal. Er erklärt mir nun des langen und breiten alle Möglichkeiten, die ich im Hotel, in der Stadt und überhaupt in der ganzen Region habe.

Ich bekomme einen Ortspass für den öffentlichen Verkehr, ein Ticket für den Besuch des Casinos, einen Stadtplan und einen Vorschlag für ein Gourmet-Dinner. Ich bin aber nur von 23 Uhr bis 5.30 Uhr da! Egal: Der automatisierte Mitarbeiter in Menschenform spult sein Programm unerschütterlich herunter.

Dabei will ich doch nur ein Bett zum schlafen!

(Der Landbote)

Erstellt: 27.07.2018, 12:26 Uhr

Bernard Thurnheer ist Sportreporter und wohnt in Seuzach. (Bild: Johanna Bossart)

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