Tribüne

Das muss an der Hitze liegen

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In den letzten zwei Wochen bin ich viermal mit fremden Menschen aneinander geraten. Einmal wurde mir mein Rucksack geklaut, einmal wurde ich von einem älteren Mann aufs Übelste beleidigt, einmal habe ich im Postauto mit einem Alkoholiker gestritten und einmal hat mich eine Frau empört darauf hingewiesen, dass man beim Gähnen die Hand richtig vor den Mund zu halten habe.

Ich glaube, dass ich es in keinem der Fälle bewusst provozierte, auch wenn zum Streiten natürlich immer zwei gehören. Sofort konstituierte sich eine These: Das muss an der Hitze liegen!

Sie ist ja auch so ein wunderbarer Sündenbock, diese Hitze. Danke, Wetter und Klimawandel, dass ihr es uns wieder einmal so einfach macht und wir auf euch zählen können wenn Zusammenhänge herbeigezaubert werden müssen.

Hätte es an jenem Samstagabend geregnet, wäre sicher alles anders gekommen

Googlet man dann «Gewaltbereitschaft» und «Hitze» wird der Verdacht immerhin augenblicklich bestärkt. (Danke auch dir liebes Internet, dass du mir sofort die Bestätigung gibst, die ich brauche, um mich im Recht zu fühlen.) Aber wir müssen kritisch bleiben - gerade wenn das Internet «ja ja ja» sagt.

Es sind in diesem Falle nämlich eher indirekte Faktoren, welche die Theorie befüttern. «Bei schönem Wetter sind mehr Leute unterwegs, mehr Menschen müssen aneinander vorbeikommen», «Hitze führt zu Unkonzentriertheit, zu mehr Unfällen, zu mehr Ärgernissen». «Hitze schafft Gelegenheit» und so weiter.

Nun, hätte es an jenem Samstagabend geregnet, wäre sicher alles anders gekommen. Ich hätte nicht auf der Strasse gesessen, wo man mir dreist den Rucksack hinter dem Rücken weggezogen hat, das ist schon mal klar. Dank des Sprints meines Lebens konnte ich das Ding in einer Nebenstrasse zurückfordern. Der junge, gut angezogene Mann mit südländischem Teint hätte es nicht nötig gehabt.

An selbigem Abend ereignete sich übrigens der Utoquai-FCZ-Vorfall. Ich war nicht überrascht, irgendetwas lag in der Luft an jenem Tag, die Leute waren überall wie auf Nadeln.

Bei Fall Nummer zwei - ein ca. 50-jähriger Herr kaukasischer Abstammung - können wir es theoretisch auch auf die «Gelegenheit» schieben. Bei Schneesturm wäre er wohl nicht seelenruhig alkoholisiert an meiner Wohnung vorbeigeschlendert und hätte mich als «blöde Schlampe mit Adiletten» beschimpft. Natürlich wissen wir nicht, was ihm tagsüber noch so passiert ist, vielleicht stand er lange im Stau.

Dem Alki im Postauto und der ruppigen Frau hätte ich wohl auch gut zu jeder anderen Jahreszeit begegnen können. Item, es war auf jeden Fall heiss an jenen Tagen und auch ich selber war bereits genervt. Aber was weiss ich schon, vielleicht lag das alles ja auch am Halbmond.

(Der Landbote)

Erstellt: 31.08.2018, 14:59 Uhr

Lara Stoll ist Slam-Poetin und Kolumnistin.

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