Lomo

Denk- statt Lesezeit

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zeit ist Geld, heisst es, und wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum bei gratis im Netz verfügbaren Artikeln neuerdings die Lesezeit angegeben wird. Wenn schon nicht in Rappen und Franken, dann soll der Wert des Textes doch wenigstens in Minuten ausgewiesen werden. Die grauen Herren der Zeitsparkasse aus Michael Endes «Momo» haben in den Onlineredaktionen ein neues Betätigungsfeld gefunden. Dass freilich dieses Angeben der Lesezeit eigentlich ein Affront gegenüber eben jenen Texten ist, die man damit versieht, scheint kaum jemandem aufzufallen.Stattdessen wird das als Service an der Kundschaft verkauft, die so, schon ehe sie einen Artikel überhaupt zu lesen anfängt, beruhigt sicher sein darf, dass sie während der Busfahrt die auf sechs Minuten Lesezeit ver­anschlagte Reportage über die Neuheiten der Heimelektronik beruhigt lesen kann, wohingegen sie die auf vierzehn Minuten prognostizierte Reportage über die Zustände in kongolesischen Kobaltbergwerken eher auf die anschliessende Zugfahrt verschieben sollte, wo man parallel dazu immerhin noch zwei vier- und einen sechsminütigen Song hören kann, und zwar auf dem iPhone, in welchem eben jenes Kobalt verbaut ist, von welchem man gerade liest. Wie übrigens auch in jenen Elektronikgeräten, von denen man vorher im Bus gelesen hat. Aber die Zeit, die es brauchen würde, über ­solche Zusammenhänge nachzudenken, ist in der angegebenen Lesedauer freilich nicht eingerechnet.

Wobei es doch eigentlich genau darum gehen würde. Aber so wie im Witz vom Mann, der seine Schlüssel nicht dort sucht, wo er sie verloren hat, sondern dort, wo das Licht schön hell ist,so wird auch hier, weil sich das ­Wesentliche nicht fix berechnen lässt, dafür das Unwesentliche umso genauer in Zahlen gefasst.

An den Universitäten ist das jetzt längst amtlich: Auch dort werden die sogenannten Kreditpunkte, die man für Seminare und Vorlesungen kriegt, auf Basis von Zeitaufwand berechnet. Das ist zwar mathematisch praktisch, aber etwa so sinnvoll, als wollte man beim Kochen den Geschmack via Uhrzeit berechnen: Der Braten muss toll sein, er war nämlich doppelt so lang im Ofen, wie es im Rezept stand. Ob man in der Vorlesung etwas ver­standen und im Seminar etwas Gescheites gedacht hat, wird so zum blossen Nebeneffekt deklariert. Punktrelevant und somit wichtiger ist, wie lange man für die Veranstaltung gebraucht hat.

Darum werd ich auch in Zukunft die Lesezeit meiner Kolumne nicht angeben – in der Hoffnung, dass sie so unterschiedlich lang sein möge, wie es die Gedanken sind, die sich die Menschen beim Lesen hoffentlich machen. (Landbote)

Erstellt: 05.12.2018, 09:07 Uhr

Lomo

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