Tribüne

Der Ort der vielen Namen

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Die siebenjährige Enkelin ist mit ihrer Grossmutter auf dem Friedhof. Sie besuchen das Grab der Urgrossmutter. Sanft berührt die Grossmutter den Grabstein ihrer verstorbenen Mutter und bleibt einen Moment still stehen. Die Enkelin tut es ihr gleich, sie streicht ganz sanft über den Grabstein. «Er ist schön», sagt die Enkelin. Dann fragt sie: «Kennst du noch jemanden hier auf dem Friedhof, Oma?»

«Der Friedhof ist ein guter Ort, ein Ort der vielen Namen.»

Zusammen gehen sie weiter und stehen vor einem andern Grab. Sofort streicht die Enkelin über den Grabstein. Die Grossmutter erzählt von der lieben Nachbarin, die hier begraben liegt. «Wen kennst du noch?» fragt das Mädchen wieder. Die Beiden gehen weiter und bleiben bei diesem oder jenem Grab stehen. Immer tut es die Enkelin der Grossmutter gleich, sie streichen sanft über den Grabstein und bleiben einen Moment still stehen. «Du kennst so viele Menschen hier,» sagt die Enkelin. «Weisst du», sagt die Grossmutter, «der Friedhof ist ein guter Ort, ein Ort der vielen Namen.»

Ganz neu habe ich, die ich von Berufs wegen oft auf Friedhöfen bin, den Friedhof sehen gelernt. Das kleinen Mädchen hat meine Augen geöffnet. So schlendere ich in diesen Herbsttagen über den Friedhof und betrachte die Grabsteine mit den oft versteckten Details, die aus dem leben der Verstorbenen erzählen. Da sitzt ein kleiner Engel, dort ist ein Ammonit eingelassen. Und ich lese all die Namen mit den Lebensdaten. Auch beim Gemeinschaftsgrab sind die Namen in der Umrandung eingelassen. «Ich habe dich beim Namen gerufen», geht es mir durch den Kopf, ein Trostwort aus dem Prophetenbuch Jesaja.

«Friedhöfe erinnern daran, dass wir alleine nicht leben können.»

Der Friedhof ist ein guter Ort, ein Ort der vielen Namen. Hinter diesen Namen stehen Lebensgeschichten, Freude und Leid, Erfolg und Misserfolg, Glück, Arbeit, Familien, … alles, was das Leben ausmacht. Hier sind alle vereint. Alle sind beim Namen gerufen, alle gleich. Wie viel verloren geht, wenn Friedhöfe nicht mehr gefragt sind. Mehr und mehr ist es «Mode» geworden die Asche von Verstorbenen zu verstreuen, im Wasser, auf der Alp, beim Lieblingsbaum im Wald…

Wird der Tod dadurch nicht noch mehr aus dem Leben verdrängt, wenn öffentlich nichts mehr an die Menschen erinnert, die mit uns gelebt haben? Friedhöfe erinnern daran, dass wir alleine nicht leben können, dass wir einander brauchen, sie erinnern an unsere Anteilnahme und daran, dass Leben und Sterben zusammengehören.

Die Hand des kleinen Mädchens sucht die Hand der Grossmutter, so stehen die Beiden einen Moment still da und sind verbunden am Ort der vielen Namen.

Erstellt: 04.10.2019, 16:35 Uhr

Monika Schmid, Theologin, Gemeindeleiterin Katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütte (Bild: jb)

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