Tribüne

Der Schutzwall ums Eigenheim

Wo früher Wiesenflächen angelegt und Obstbäume gepflanzt wurden, rollt heute der Schwertransporter mit Granitblöcken an. Unser Kolumnist Tobias Engelsing macht sich Gedanken über den Trend zu Steinwüsten in Schweizer Gärten.

Steine statt Pflanzen: in Gärten ist heutzutage immer weniger Grün vorhanden.

Steine statt Pflanzen: in Gärten ist heutzutage immer weniger Grün vorhanden.

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Der Winter ist vorbei, der letzte Frost zieht übers Land, die Bagger rücken an: Wer über die kalte Jahreszeit einen Neubau vollendet oder eine Haussanierung abgeschlossen hat, macht sich an die Gestaltung des Gartens, baut Wege und Begrenzungen. Leider beginnt nun auch wieder die Zeit der ökologischen Massaker.

Wo früher Mutterboden ausgebracht, Wiesenflächen angelegt, Hecken, Buschwerk, Obstbäume und heimisches Gehölz gepflanzt wurden, rollt heute oft der Schwertransporter mit Ladekran an. Seine Fracht ist kalt und grau: Granitblöcke, Basaltbrocken, Lavagestein und andere Importe aus Ländern wie China, wo sie teils unter fragwürdigen Bedingungen gewonnen werden.

Leider beginnt nun wieder die Zeit der ökologischen Massaker.

So verschwinden Hausfassaden und winzige Rasenstücke hinter meterhohen Steinwällen. Eingezwängt in Stahlgitterboxen, so genannte Gabionen, bildet das weisse, graue oder schwarze Bruchgestein wahre Schutzwälle gegen Nachbarn und sonstige Feinde. Der französische Festungsbaumeister Vauban zöge den Hut, sähe er, welch eindrucksvolle Wehranlagen friedliebende mitteleuropäische Wohlstandsbürger um ihr Eigenheim ziehen. Da spotte noch jemand über Armee-Nostalgiker, die aufgelassene Bunker kaufen und liebevoll erhalten.

Einst besang der Dichter Christian Morgenstern die bescheidene hölzerne Gartenbegrenzung: «Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.» Das war im fernen Jahr 1905. Dazwischen liegen zwei Weltkriege, das Wettrüsten zwischen Ost und West und der Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Angst vor lebensbedrohlichen Angriffen hat sich seither ins Privatleben zurückgezogen, das Eigenheim erscheint als futuristische Burg, umgeben von vier Tonnen zerkleinerter Felswand.

Ist sowas schön? Gabione liegen auf jeden Fall im Trend.

Viele Gartenbaumeister wollen Hausgärten als nützliche Biotope anlegen. Sie stöhnen über solche Kundenwünsche. Letztlich aber passt der Trend zur Steinwüste zum Zeitgeist: Wer einmal zugeschaut hat, wie zierliche Mütter frühmorgens ihren durchaus gehfähigen Nachwuchs in übermotorisierten Stadtpanzern (SUV) vor den Eingang der Primarschule chauffieren, ahnt, dass unser Alltag von Bedrohungsängsten durchzogen ist.

Die Fraktion der «grünen Daumen» muss standhaft bleiben! Auch ich bleibe ein Fürsprech für Lattenzaun, Buschwerk und Apfelbaum: Nachbarn können mühsam sein, helfen aber einander im Alltag. In Büschen nisten Singvögel und im Spätsommer trifft man sich zur duftenden Apfelwähe, gebacken aus eigenen Früchten.

(Der Landbote)

Erstellt: 22.03.2019, 12:05 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der Städtischen Museen Konstanz und «Landbote»-Kolumnist. (Bild: hd)

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