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Design im Pendleralltag

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Wer zeigen will, dass er über guten Geschmack und das dazu nötige Kleingeld verfügt, der verteilt in seinem Wohnraum mit Vorliebe Einrichtungsgegenstände, deren Designanspruch sich nach Möglichkeit maximal umgekehrt proportional zu ihrer Funktionalität verhält: Vintage Möbel, zum Beispiel, machen ordentlich was her, wenn sie so legendär und so unbequem sind, dass auf ihnen Platz zu nehmen nicht nur hausrats- sondern auch gesundheitsversicherungstechnisch riskant ist.

Und wer in der Küche die langbeinige Zitronenpresse «Juicy Salif» Philippe Starck aufestellt, die nicht nur wie ein UFO aussieht, sondern auch etwa so praktisch ist bei der Saftherstellung, verrät damit vor allem, dass er oder sie es schon längst nicht mehr nötig hat, die Zitronen selber auszupressen. Damit aber auch der Normalbürger im prosaischen Pendelverkehr in solchen disfunktionalen Designgenuss kommt, hat die SBB sich schon vor langem einen eigenen Klassiker geleistet und zwar die Hutablage in der S-Bahn.

Für den Transport von Angelruten anstelle von Hüten scheint sie mir gerade ideal.

Wie ich aufgrund mehrerer Selbstversuche weiss, kann man Hüte, dort nicht deponieren, es sei denn man faltet sie vor dem Ablegen viermal oder aber hält sie während der ganzen Fahrt fest, weil auf dem schmalen Gestell statt des Hutes höchstens dessen Krempe Platz findet.

Freilich, wenn man mit einem Napolen-Hut, der sich schön flach zusammenlegen oder einem einklappbaren Zylinder unterwegs ist, dann ist die Hutablage natürlich toll und auch Zipfelmützen kann man dort wohl problemlos ablegen, wobei es dann aber in dem Fall plausibler wäre, die Hutablage stattdessen Mützenablage zu nennen.

Wenn wundert es, dass auf der Hutablage des Zuges nun vor allem das landet, was dort nicht hingehört. Zusammengerollte Gratisszeitungen zum Beispiel lassen sich dort gut hinschmeissen, ohne dass man sich recht vom Sitz erheben muss, was dann aber wiederum das Reinigungspersonal nicht gerne sieht, hat man doch für diese eigens Papierabfallsammelkörbe installiert. Was also sonst tun mit der Hutablage, die gar keine ist?

Für den Transport von Angelruten anstelle von Hüten scheint sie mir gerade ideal. Und auch als Wäschetrockner-Ersatz liesse sie sich gewiss gut gebrauchen, indem man an ihre Metallrippen des morgens jeweils die frisch gewaschenen Strümpfe hängt. So käme man übrigens auch endlich mal miteinander ins Gespräch, statt dass alle aufs eigene Digitalgerät stieren. Oder würden Sie nicht auch was sagen, wenn es morgens um sieben von oben das Wasser aus den Socken ihres Sitznachbars auf Ihr Handydisplay tröpfelt? Eben.

(Der Landbote)

Erstellt: 11.09.2018, 15:39 Uhr

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