Tribüne

Die ominöse Lädeslittelolide

Wie der Adventskalender die Nahrungsgewohnheiten einer Kita verändern, schreibt Franziska von Grünigen in ihrer Kolumne.

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«Es tut mir leid», sagte ich schon leicht verzweifelt zu meinem fast 4-jährigen Sohn, «ich weiss nicht, was du meinst.» Zum wiederholten Mal sprach er mit wachsender Ungeduld das immer selbe Wort aus, mit dem ich bei aller Liebe nichts anfangen konnte: «LÄ-DES-LIT-TEL-OLI-DE». Die sei jetzt nicht mehr in der Kita, meinte er, diese Lädeslittelolide.

Ob das eine der Kitafrauen sei, fragte ich. «Neeeeei», antwortete er genervt. Ein Spielzeug? Ein Büechli? «Nei-nei-nei!» Ob er mir noch einmal ganz genau erklären könne, für was diese Lädeslittelolide gut sei, fragte ich, um der ominösen Sache auf die Spur zu kommen. «D’LÄ-DES-LIT-TEL-OLI-DE…!», antwortete er mit dem letzten Funken Beherrschung, den er angesichts dieser begriffsstutzigen Mutter noch aufbringen konnte. «...wo seit, vo was dass mer vill törf ässe und vo was wenig!» – «D’LÄBESMITTELPYRAMIDE!», schrie ich nun euphorisch und er verdrehte schnaubend die Augen «Jaaa! D’Lädeslittelolide.» Was mit der genau sei, wollte ich wissen.

Sohn: «Ebe: Die hänkt jetzt nüme i de Kita.»
Ich: «Warum nicht?»
Sohn: «Will: Jetzt hänkt deet de Adväntskaländer.»

So weit, so schlüssig. Mehr war zum Thema nicht zu sagen. Und auch wenn sich in der Nahrungsmittelwahl des Buben nicht niederschlägt, dass Butter und Honig im oberen, spitzen Drittel der Lädeslittelolide stehen und Gemüse im unteren, breiten Drittel, finde ich es toll, dass bereits die Kleinsten Kitakinder für dieses Thema sensibilisiert werden.

Mit etwas anderen Ernährungsfragen kommt meine 6-jährige Tochter derzeit öfters nach Hause: «Wie isch das Tier gschtorbe?», fragt sie, während sie das Wienerli auf ihrem Teller kritisch prüft. «Gäll, Milch trinke isch weniger schlimm als Fleisch ässe, will d’Chueh nöd mues sterbe?», sinniert sie beim Z'morgen hoffnungsvoll, und man überlegt sich, wie detailliert man jetzt, bei Joghurt und Ovomaltine, von den Kälbchen erzählen soll, die ihren Müttern weggenommen werden, damit wir deren Nahrung trinken können. «Mami, isch das Rentier scho tod gsii, womer entschiede hätt, dass mer sis Fäll wett da im Lade verchaufe oder hätt mers extra tödet?», fragte sie kürzlich im Möbelhaus.

So begriffsstutzig wie ich in Sachen Lädeslittelolide war, will ich bezüglich Tier- und Klimaschutz nicht länger sein.

Themen, die sie irgendwo zwischen Kindergarten und heimischer Stube aufgeschnappt haben muss und die das Potenzial haben, unsere Familiengewohnheiten über den Haufen zu werfen. Denn: Das Unbehagen darüber, dass unsere gewohnte Ernährung ethisch und ökologisch nicht vertretbar ist, schlummert schon länger in mir. Dieses Gefühl wird nicht besser, wenn einem gegenüber der kritischen 6-jährigen Tochter die Argumente fehlen, warum man auftischt, was man auftischt. Es wird auch für mich höchste Zeit umzudenken, denn, ganz ehrlich: So begriffsstutzig wie ich in Sachen Lädeslittelolide war, will ich bezüglich Tier- und Klimaschutz nicht länger sein.

Erstellt: 06.12.2019, 10:48 Uhr

Franziska von Grünigen (Bild: mas)

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