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Die Rabenmutter

Wenn Sie diese Zeilen lesen, scheint hoffentlich die Sonne. Schon nur der kleinste Sonnenstrahl auf Winterthurs Strassen macht mich zu einer entspannteren Mutter. Nicht, weil ich garstiges Wetter nicht mögen würde, im Gegenteil. Ich setze mich ausgesprochen gerne peitschendem Regen oder orkanartigen Böen aus.

Der Punkt ist: Wenn die Sonne nicht scheint, fühle ich mich schnell als Rabenmutter. Auslöser für das ganze Elend sind die Füsse meines Sohnes, die seit einigen Wochen partout in keine Schuhe schlüpfen wollen. «Neiiiiiii! Nöd aaazieh!!!», sagt der zweijährige dann mit der Vehemenz eines Feldweibels und lässt sich auch durch Ablenkungsmanöver nicht von seinem Barfuss-Plan abbringen.

Da helfen keine Büechli, keine Bestechungsversuche und auch keine Tiersticker auf dem Schuhwerk. Und so ist der Bub bisweilen barfuss unterwegs. Oder in Socken. Und weil er offenbar Gefallen findet an leichter Bekleidung, verzichtet er auch bei eisigen Temperaturen gerne auf Pulli, Jäggli und Jacke und marschiert kurzärmlig durch die Stadt. «Jösses, hätt ächt de nöd chalt?», höre ich Passanten immer wieder tuscheln, wenn sie uns sehen. (Würde man ihn direkt fragen, würde er übrigens unumwunden die immer gleiche Antwort liefern: «Nei!»)

Was zählt mehr? Die elterliche, gesellschaftlich erwartete Aufsichtspflicht oder die Integrität des Kindes?

Als wir kürzlich an einem kalten Samstag in der Stadt einkaufen waren, schüttelte jemand fassungslos den Kopf: «Ui, de arm Bueb!». Der vernichtende Blick, mit dem die Frau uns strafte, sprach Bände. «Interessiert es sie, was der Bub selber meint? Oder wissen sie wirklich, was er will, was ihm gut tut?» wollte ich sie fragen, blieb aber doch nur stumm und spürte es wieder, dieses Gefühl, eine Rabenmutter zu sein.

Und diese Zerrissenheit zwischen «was man als Eltern sollte» und «was das Kind selber will.» Ein Dilemma, das wohl viele Eltern kennen. Was zählt mehr? Die elterliche, gesellschaftlich erwartete Aufsichtspflicht oder die Integrität des Kindes? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es falsch ist, meinen Sohn trotz panischer Reaktion in Schuhe zu stecken. Und dennoch lässt mich die Taxierung der anderen nicht kalt. Kürzlich machten wir deshalb wieder einen Versuch.

Vater und Sohn gingen gemeinsam in den Schuhladen und der Sohn durfte selber aussuchen, welche Schuhe ihm gefallen. Er zeigte begeistert auf ein blaues Modell mit pinkem Klett und glitzrigen Strasssteinchen. Die Verkäuferin war verunsichert. «Aso, äh, wär das okey i dere Farb?» Der Vater nickte gelassen. Nicht nur, weil der Junge so endlich wieder mal ein Paar Schuhe an den Füssen hätte.

Übrigens: Aus dem Kauf wurde dann doch nichts. Urteil des jungen Kunden: «Nei! Nöd aazieh!»

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