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Diese Kommentatoren!

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Nun hat sie begonnen, die Fussball-Weltmeisterschaft in Russland. Die Fans fiebern auf der ganzen Welt vor ihren Fernsehapparaten mit und drücken ihrem Team die Daumen. Freude herrscht, wenn gewonnen wird, Frust jedoch, wenn sich die erhofften Erfolge nicht einstellen. Dann wird sofort Kritik laut, zumächst an den Spielern, dann am Trainer, des weiteren am Schiedsrichter und dann vor allem an den TV-Kommentatoren. Was die alles erzählen! Sie reden zu viel und sagen das Falsche! «Wenn ich XY höre, muss ich immer umschalten.» Gegenüber dem Geschwätz der Kritiker ist allerdings jeder Kommentar literaturnobelpreiswürdig!

Regel Nr.1 eines jeden TV-Reporters ist: Sage nicht, was man sieht!

«Kommentierst du jetzt für dich zu Hause oder für diejenigen, welche um dich herumsitzen?», werde ich in diesen Tagen oft gefragt. Interessiert Sie die Antwort? Also: Regel Nr.1 eines jeden TV-Reporters ist: Sage nicht, was man sieht! Das sehen die Zuschauer selber und die sind ja nicht blind, jedenfalls nicht die meisten. Ja, was soll man denn sagen? Man benennt die Spieler, die am Ball sind und keiner so richtig kennt. «Ronaldo» muss man nicht sagen, aber der Name dieses unscheinbaren Mittelfeldspielers wäre interessant.

Man gibt interessante Zusatzinformationen, die man im Vorfeld einer Übertragung zusammengetragen hat, in Gesprächen, bei der Zeitungslektüre, beim Nachschlagen im Internet. Mit anderen Worten: Man hat sich stundenlang vorbereitet, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Da ich unterdessen pensioniert bin, mache ich das natürlich nicht nicht mehr. Damit fehlt mir die Grundlage fürs Kommentieren, und ich komme nicht mehr im geringsten in Versuchung es dennoch zu tun.

Dass an jedem Spiel einer der fünf Deutschschweizer Kommentatoren im Stadion sitzt, ist das Ergebnis eines ziemlich komplizierten Puzzles.

Fehler passieren überall, auch bei einem Fussballspiel bei den Reportern, vor allem auch dann, wenn sie übermüdet sind. «Sollen sie abends doch rechtzeitig ins Bett!» Wieder so eine Bemerkung, die davon zeugt, dass Kritiker im allgemeinen keine Ahnung haben.

Russland ist gross, und in jeder Region finden Spiele statt, sowohl im Norden in St.Petersburg als auch im Süden in Sotschi. Distanz zwischen den beiden Städten: 2000 km! Noch extremer ist die West-Ost-Ausdehnung zwischen Kaliningrad und Jekaterinburg: 2'500 km! Es ist nun keinesfalls so, dass man jedem Reporter ein bestimmtes Gebiet zuweisen könnte. An einem Tag finden alle Spiele im Westen, am anderen alle im Osten statt. Dass an jedem Spiel einer der fünf Deutschschweizer Kommentatoren im Stadion sitzt, ist das Ergebnis eines ziemlich komplizierten Puzzles. Und jeder bekommnt es mit 15-20 verschiedenen Teams zu tun. Fröhliches Vorbereiten!

Meine Kollegen vom TV werden an über 50 Prozent ihrer WM-Tage fliegen müssen. Fliegen, das bedeutet aber immer auch stundenlange Staus auf dem Weg zum Airport und ins Hotel, Schlange stehen beim Check-In, bei der Sicherheitskontrolle, beim Einsteigen. Es gibt Tage, an denen der Flug morgens um 06.00 Uhr abgeht und der Reporter nach der Landung mit seinem Handgepäck und oft reichlich verschwitzt direkt ins Stadion fährt.

Ausgeruht, gemütlich und gut vorbereitet ist anders! Könnte man das nicht anders lösen? Doch, mit 8 Kommentatoren statt 5, aber sind sich nicht alle Politiker einig, dass das Schweizer Fernsehen dringend abspecken müsste? Ob da, wo sich wegen der Müdigkeit zwangsweise Fehler einschleichen, die dann von der ganzen Nation zur Kenntnis genommen werden, wirklich am richtigen Ort gespart wird, ist wieder eine andere Frage.

Fazit: Ein bisschen mehr Toleranz gegenüber den TV-Fussball-Kommentatoren wäre durchaus angebracht!

Erstellt: 15.06.2018, 11:16 Uhr

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