Tribüne

Digitaler Diebstahl

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In was für einer Zeit leben wir eigentlich? In einer, in welcher man dich praktisch täglich via Telefon oder Computer übers Ohr hauen will.

Im Moment bekomme ich gerade seltsame Anrufe aus dem Ausland auf mein Handy, nicht etwa anonym, sondern mit Nummer. Mit anderen Worten: Zum Zurückrufen! Dank der Vorwahl lassen sich die Herkunftsländer scheinbar eruieren: Pakistan, Senegal, Antigua, manchmal auch «nur» Grossbritannien oder die USA.

Einmal vermutete ich, es handle sich um eine Bekannte, die in Mexiko weilt, und rief zurück. Ein schwerer Fehler! Als es läutete, begann gemäss der eingebauten Uhr bereits die Redezeit zu laufen und damit wohl auch die Kostenpflicht. Das ist wohl der Trick, wobei mir schleierhaft ist, wie die Gelder von der Telefongesellschaft zu den Dieben umgeleitet wird.

Das fremde ugandische Mädchen habe von ein paar europäischen Freunden erfahren, was für ein herzensguter Mensch ich sei!

Weil ich einmal hereingefallen bin, stehe ich nun wohl auf einer Liste lohnenswerter Opfer, denn die 00-Vorwahl-Anrufe hören seither nicht mehr auf.

Auch per E-Mail werden dauernd Attacken auf mein Portemonnaie, respektive auf mein Bankkonto geritten. Mein Zugang zu diesem wurde angeblich aus Sicherheitsgründen gesperrt, und nun soll ich es wieder aktivieren, indem ich alle meine Nummern und Codes bekanntgebe. Manchmal erhalte ich auch Rechnungen für Dinge, die ich nie gekauft habe. Sollte etwas nicht stimmen, siehe oben.

Afrikanische Millionäre haben eine Professur in der Schweiz erhalten, dürfen aber ihr Geld nicht aus der Heimat ausführen. Alles was sie benötigen ist ein Schweizer Bankkonto, meines, auf das sie 11 Millionen US-Dollar überweisen werden. Zum Dank für das Zur-Verfügung-Stellen muss ich ihnen dann 14 Tage später nur 10 Millionen zurückgeben. Irgendwann muss ich dann wohl noch ein weisses Blatt Papier mit meiner Blanko-Unterschrift senden. So weit habe ich es aber noch nie kommen lassen.

Ganz raffiniert sollte einmal ein Schweizer Fussball-Trainer ausgenommen werden. Er stand kurz vor der Vertragsunterzeichnung mit einem arabischen Klub. Kontaktaufnahme, Verhandlungen, ja sogar das Vorlegen des unterschriftsreifen Vertrages, alles geschah via Internet. Der Präsident des Vereins bestand sogar darauf die ersten paar Monatslöhne im voraus zu bezahlen, als Zeichen des Vertrauens. Nicht nötig, fand der Trainer.

Doch die Gegenseite bestand so intensiv auf der Vorauszahlung, dass da etwas nicht stimmen konnte. Endlich ging dem arbeitslosen Coach ein Licht auf und die Seifenblase platzte, noch ehe die Bitte um die Angaben zu seinem Konto und um die Blanko-Unterschrift erfolgte.

Die digitale Kriminal-Energie ist jetzt sogar analog geworden. Neulich erhielt ich einen handgeschriebenen (!) Brief einer Studentin aus Uganda (mit Original-Postmarke), die sich ihr Studium an einer Universität im Sudan nicht mehr leisten kann (vorübergehender finanzieller Engpass).

Ob ich ihr nicht mit einigen tausend Dollar Vorschuss aushelfen könnte? Wieso gerade ich? Sie habe von ein paar europäischen Freunden erfahren, was für ein herzensguter Mensch ich sei! Wahrscheinlich sollte ich mich jetzt auch noch geschmeichelt fühlen. Doch was für einen Wert hat das Kompliment eines unbekannten afrikanischen Mädchens, das in Tat und Wahrheit ein skrupelloser europäischer Gauner ist? (Der Landbote)

Erstellt: 04.05.2018, 17:13 Uhr

Bernard Thurnheer war langjähriger Sportreporter und Moderator beim Schweizer Fernsehen.

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