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Dornenkrone aus dem Feuer gerettet

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Alte Kirchenbauten sind nicht nur Zeitzeugen, sondern neben ihrer Schönheit auch so etwas wie ein kollektives Gedächtnis. Sie speichern in ihren Mauern und Gewölben Leid und Freude erlebter Zeiten. Sie reden vom Horror der Kriegswirren und sie spiegeln Missbrauch, wenn Könige und Kriegsherren oder Macht und Prunk der Kirche diese Räume für sich vereinnahmten.

Kirchenbauten speichern Leid und Freude von Menschen, die mit ihrem innigen Gebet diese Räume durch alle Zeiten geheiligt haben.

Die gerettete Dornenkrone, ein Mahnmal gegen jede Form von Ungerechtigkeit

Ich verstehe die Trauer um Notre Dame in Paris. Und es hat mich berührt, wie die Menschen, als diese Kirche letzte Woche lichterloh brannte, zusammenstanden und Lieder anstimmten. Notre Dame ist mehr als ein Gebäude, sie ist in die Herzen geschrieben.

In kürzester Zeit ist viel, sehr viel Geld zusammengekommen, um diese Kirche wieder aufzubauen. Und ich möchte jene Stimmen nicht überhören, die sagen, für eine Kirche aus Stein ist Geld vorhanden, aber für die lebendigen Tempel Gottes – notleidende Menschen, hungernde Kinder – muss jeder Franken schwer erbettelt werden.

Einem Feuerwehrmann ist es zu verdanken, dass auch die Dornenkrone Jesu, die in Notre Dame aufbewahrt wird, gerettet wurde. Diese Nachricht hat mich aufhorchen lassen. Am Karfreitag erinnerte sich die Christenheit an Leiden und Tod Jesu. Ob nun diese Dornenkrone wirklich die Dornenkrone von Jesus ist, ist mir nicht wichtig.

Ich habe es nicht so mit der Verehrung von solchen Gegenständen, wo man niederkniet, entzückt innehält und das wars dann… Ein Folterwerkzeug zu verehren ist auch irgendwie absurd. Die Dornenkrone wurde gerettet, ein Mann hat dafür sein Leben riskiert.

Ich danke diesem mutigen Feuerwehrmann dafür. Diese Dornenkrone ist mehr als Erinnerung an Jesu Tod, sie ist Erinnerung an alles Leid, das Menschen angetan wird durch Gewalt, Machtmissbrauch, Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit.

Noch eine Zeitungsnotiz, die mir auffiel: Dem Putzpersonal der SBB, jenen Menschen, welche die oft «verkotzten» und «verschissenen» Toiletten in unseren Zügen putzen, wurde der Zuschlag von 1.45 Franken pro Stunde aus Spargründen gestrichen. Die Löhne des obersten Managements werden wohl kaum angetastet.

Die gerettete Dornenkrone, Mahnmal gegen jede Form von Ungerechtigkeit und Symbol für unseren österlichen Aufstand, entschieden auf die Seite der Benachteiligten und Geschundenen zu stehen.

Erstellt: 26.04.2019, 11:52 Uhr

Monika Schmid ist Theologin und Gemeindeleiterin der katholischen Pfarrei St. Martin, Illnau-Effretikon.

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