Pro und Contra

Es ist Metzgete-Zeit. Ist das grosse Fleischessen überhaupt noch zeitgemäss?

Metzgeten haben auf dem Land Tradition, in der Stadt werden sie stets beliebter. Ob es sie braucht, darüber lässt sich streiten.

Darf man in Zeiten von Klimademonstrationen und Klimawandel noch eine hemdsärmlige Schlachtplatte verputzen? Die Meinungen gehen weit auseinander.

Darf man in Zeiten von Klimademonstrationen und Klimawandel noch eine hemdsärmlige Schlachtplatte verputzen? Die Meinungen gehen weit auseinander. Bild: ngu

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ja

Bolzenschuss, Kehlenschnitt, Ausweidung und Verarbeitung zur Wurst: Die Szenen einer Schlachtung sind wahrlich keine schöne Vorstellung. Wer damit Mühe hat, isst vegetarisch. Und das ist auch in Ordnung so. Denn es soll hier nicht darum gehen, Vegetarismus und Karnismus gegeneinander auszuspielen. Oder Vegetarierinnen dazu zu bringen, Fleisch zu essen.

Sondern darum, Fleisch angemessen zu essen und damit der wertvollen Ressource Tier Respekt zu zollen. Will heissen: nicht nur die edlen Stücke wie etwa das Filet, das Entrecôte oder das zarte Schnitzel verwerten. Sondern vom «Schnörrli bis zum Schwänzli» alle essbaren Stücke. Und wo, wenn nicht bei der Metzgete, wird das auch so gemacht?

Das kommt nicht von ungefähr. Denn als es noch keine professionelle Schweinezucht gab und die Familien mehrere Schweine hielten, schlachteten sie diese jeweils im Spätherbst oder im frühen Winter. Denn sie konnten es sich nicht leisten, die Tiere durch den Winter zu füttern.

Die Metzgete trägt aktiv zur Reduktion von Food Waste bei.

Also veranstalteten sie Hof- und Hausmetzgeten und assen zuerst jene Stücke, die sich nicht lange konservieren liessen: Blut und Innereien. Beides verarbeiteten sie zu Würsten. Stücke wie Bauch, Brust, Rippli und Hals salzten sie zur Haltbarmachung erst ein und räucherten sie dann. Aus den Hinterbacken machten sie Bauernschinken und das Filet assen sie einige Tage später.

In den letzten Jahren hat die traditionelle Metzgete, die Schweizer Variante des «Thanksgiving» quasi, wieder an Beliebtheit gewonnen – gerade auch in den Städten, wo Spitzenköche dank Verbindungen zu Metzgereien oder Bauernhöfen unter dem Moto «Slow Food» Schlachtplatten anbieten. Und das ist gut so. Denn die Metzgete lässt geschmackvolle Gerichte aus Grossmutters Zeiten wieder aufleben und trägt so aktiv zur Reduktion von Food Waste bei.

Eigentlich sollten Metzgeten deshalb sogar das ganze Jahr über stattfinden. Denn so liessen sich Tonnen von Fleischabfällen vermeiden. In die richtige Richtung gehen auch Angebote, bei denen das Tier erst geschlachtet wird, wenn es vollständig verkauft und damit verwertet ist.

Nein

Neulich kam mir zu Ohren: «Was ist so falsch an einer Metzgete, da wird das tote Schwein vom Schnörrli bis zum Schwänzli gegessen, etwas Sinnvolleres gibt es gar nicht.» Wer das sagte, muss sich als eine Art klima- und tierfreundlicher Fleischtiger verstehen, nur deshalb, weil er für einmal die Innereien eines toten Tiers nicht wegwerfen lässt. Dem Tier dürfte es allerdings ziemlich egal sein, ob wir es vollständig aufessen oder nicht.

Ich habe nichts gegen Traditionen, und ich möchte das Fleischessen nicht grundsätzlich verurteilen, obwohl unsere Gesellschaft zu massenhaft, zu ungesund und zu klimaschädlich Fleisch produziert und konsumiert. Was mich an der Metzgete stört, ist dieses Zelebrieren der Ware Fleisch – und das auch noch unter dem Deckmäntelchen der Ehrerweisung gegenüber dem toten Tier. In unserer modernen Welt mit Massentierhaltung und funktionstüchtigen Kühlschränken hat die Metzgete schlicht ihren Sinn verloren.

Mutter Erde beschert uns die grandiosesten Zutaten für unseren Schmaus.

Essen zelebrieren gehört zur Kultur der Menschen. Das Fleisch sollte aber nicht im Zentrum unserer Begierde stehen. Ein Ritual wie dieses ist total aus der Zeit gefallen. Dem Rotkraut, den Dörrbohnen, den Kartoffeln und Steinpilzen gehört unsere Aufmerksamkeit doch genauso. Mutter Erde beschert uns die grandiosesten Zutaten für unseren Schmaus. Lasst sie uns bitte alle ehren.

Die moderne Food-Szene bringt bereits Bewegung in die alten Essgewohnheiten: Die unglaubliche Vielfalt unserer Gemüse, die noch immer verächtlich als Beilagen verkannt wird, vermag immer mehr Menschen zu begeistern. Kreative Rezepte, zubereitet mit einem Strauss an köstlichen Kräutern und Gewürzen, machen daraus ein Fest der Sinne. Ich verspüre fast Mitleid mit Menschen, die glauben, nur Fleisch mache eine rechte Mahlzeit aus. Diese veraltete Sicht können selbst urbane Hipsters nicht ändern, welche die Metzgete gerade erst entdeckt haben.

Die Gastronomie hat die lustvolle, gemüsegsunde Ernährung als Geschäftsmodell längst entdeckt und erfreut sich wachsender Kundschaft. Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis die Anbieter von blutigen Würsten und fettigen Schwarten zur Nische werden

Erstellt: 29.11.2019, 12:11 Uhr

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles