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Eine Feier des Dazwischen

Unser Kolumnist sinniert anlässlich des heutigen Nationalfeiertages über das Schweizer-Sein, die nationale Identität und die Besonderheiten unseres speziellen Landes.

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Wenn heute, am Nationalfeiertag auf sämtlichen Kanälen die Politiker zu uns sprechen und die Schweizer Identität beschwören, kommt mir das immer etwas suspekt vor. Je lautstarker die Redner für sich reklamieren, angeblich ganz genau zu wissen, was die Schweiz sei, umso unwohler wird mir.

Denn eigentlich zeigt doch die Erfahrung, dass unsere Stärke gerade nicht die Vereinheitlichung, sondern unsere sagenhafte Unterschiedlichkeit ist. Wie auf kleinstem geographischen Raum derart unterschiedliche Landschaften, aber auch unterschiedliche Lebensarten aneinandergrenzen, finde ich beim Reisen durch die Schweiz immer wieder verblüffend.

Die Erfahrung zeigt doch, dass die Stärke der Schweiz gerade nicht die Vereinheitlichung, sondern die sagenhafte Unterschiedlichkeit ist.

Da fährt man zum Beispiel am 13. Januar in Winterthur los und ist nur eine Stunde und einmal Umsteigen später in Urnäsch am alten Sylvester und braucht dazu nicht einmal eine Zeitmaschine, sondern nur die SBB. Bei uns kann man per Taktfahrplan von einem Universum ins andere wechseln.

Daraus folgt auch, das was an zwei Orten in der Schweiz zwar gleich heisst, deswegen noch lange nicht dasselbe ist – wer’s nicht glaubt, soll mal einen Basler fragen, ob seine Fasnacht dasselbe ist, wie die in Luzern.

Dafür nennt man umgekehrt das gleiche Ding an zwei Orten ganz unterschiedlich, etwas wenn man in Bern von «Zibele»; und in Zürich von «Böle»; spricht.

Abstammen tun übrigens beide Worte vom spätlateinischen «cepulla», wobei die einen mehr den Anfang und die anderen nur den Schluss des Wortes betont haben. Daraus merkt man schon: wir sind Meister der Differenz; sogar ganze spätlateinische Wörter werden bei uns flugs auseinander getrennt, damit es mehr Differenz gebe.

Wir sind noch nicht einmal über die Deutschschweiz hinausgekommen und sehen bereits überall nicht nur Röschti- , sondern auch Zwiebelgräben sich auftun. Doch statt diese mit nationalistischen Einheitsparolen aufzufüllen, sind sie möglicherweise genau eine Stärke.

Die Philosophie habe bei ihrer alten Obsession mit der Frage des Seins das Potential des Abstands und des Dazwischen ganz übersehen, heisst es beim französischen Denker François Jullien.

Wo nur die Identität zählt, droht tödliche Monotonie und alles, was nicht zu dieser Identität passt, wird nur noch als Bedrohung wahrgenommen. Das Leben hingegen findet nicht in der engen Zelle des Eigenen statt, sondern im Dazwischen – dort wo Begegnung erst möglich ist und wo man aus Zibele und Böle zusammen eine Suppe macht, nicht um dabei die Unterscheide vorschnell einzukochen, sondern um diese zu geniessen.

Ich finde übrigens, zur Suppe kann man gerne auch noch Camembert oder Frankfurter, Grissini oder Börek servieren. (Der Landbote)

Erstellt: 31.07.2018, 15:07 Uhr

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