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Fenster zum Hof

Eva Ashinze über den Reiz der Blicke in fremde Wohnungen und der Eindrücke des dort stattfindenden Lebens.

Eva Ashinze

Der Blick in fremde Fenster fasziniert. Wer beobachtet nicht verstohlen seine Nachbarn und entwirft aus dem Wenigen, was hinter den Vorhängen zu sehen ist, ganze Lebensgeschichten.

Wer wirft nicht einen schnellen Blick in eine fremde Wohnung, entdeckt eine unbekannte Welt. Fenster ziehen unsere Blicke an, wecken Wünsche in uns. Charles Baudelaire schreibt in einem Gedicht: «Was man an der Sonne sehen kann, ist immer weniger interessant, als was hinter einer solchen Glasscheibe geschieht; in dieser schwarzen oder leuchtenden Öffnung lebt das Leben, träumt das Leben, leidet das Leben.»

Wir schauen gerne hin, wenn das, was wir sehen, eigentlich nicht für unsere Augen bestimmt ist.

Alfred Hitchcock hat mit «Das Fenster zum Hof» - basierend auf der Kurzgeschichte «It Had To Be Murder» - einen seiner bedeutendsten Filme inszeniert. Darin beobachtet ein Mann aus Langeweile die Nachbarn in ihren Wohnungen, bringt so einen Mörder zur Strecke. Wir schauen gerne hin, wenn das, was wir sehen, eigentlich nicht für unsere Augen bestimmt ist.

Ich bin keine Ausnahme. Von unserer Küche habe ich - im Winter zumindest - freie Sicht in die Fenster der Wohnungen auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs. Es ist nicht so, dass ich stundenlang rüber starre. Aber wenn ich koche oder am Küchentisch arbeite werfe ich immer wieder mal einen Blick zu meinen Nachbarn.

Zuoberst wohnt ein älterer Herr, sein Wohnzimmer ist gediegen eingerichtet. Abends zieht er die Vorhänge zu, schaltet den Fernseher ein; es flackert grün und blau durch den weissen Stoff. Ich nenne ihn den einsamen Witwer, dabei - was weiss ich schon über ihn?

Unter ihm leben zwei junge Männer. Je später der Freitagabend, desto voller wird ihre Wohnung. Der Tisch füllt sich mit Bierflaschen und Weingläsern. Sie haben keine Vorhänge, dafür einen Bildschirm in Übergrösse. Wenn sie Fussball schauen, kann ich die Ballbewegung auf dem Grün mitverfolgen.

In der Wohnung daneben macht die junge Mutter komplizierte Yogaübungen auf dem Teppichboden. Ich beneide sie um ihre Beweglichkeit.

Die Tage werden länger, der grosse Kirschbaum im Hof wird in ein paar Wochen zu blühen beginnen. Dann ist mir für die nächsten Monate die Sicht auf meine Nachbarn verwehrt - und umgekehrt.

Kürzlich hat mich in der Migros eine Frau gegrüsst. «Wir sind Nachbarinnen», hat sie gesagt. «Ich sehe Sie ab und zu durch das Küchenfenster.» Sie hat mich amüsiert angelächelt. «Ich bin beeindruckt, dass Sie gleichzeitig kochen und lesen können.»

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