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Frau Sorglos und Frau Ängstlich

Die Angst greift um sich und erfasst auch Frau Sorglos.

Frau Sorglos und Frau Ängstlich treffen sich im Zug. «Schlimm», sagt Letztere, «jedes Husten macht mich nervös.» Frau Sorglos zuckt mit den Schultern. «Ach was! Bei der Grippe machen wir ja auch nicht so ein Theater. Alles medial aufgebauscht!»

Frau Ängstlichist nicht überzeugt. Sie desinfiziert sich die Hände. «Habe gerade noch die letzte Flasche erwischt», sagt sie. Frau Sorglos zuckt wieder mit den Schultern. «I wo! Ein bisschen Dreck und Bakterien härten ab.»

Frau Ängstlichist nicht überzeugt. Sie hält sich den Schal vor den Mund. «Es hatte keine Schutzmasken mehr. Und ich fahre 20 Minuten Zug. Mit weniger als zwei Metern Abstand zum Nächsten.» Kritisch beäugt sie Frau Sorglos. Diese lacht, «ach komm», sagt sie und tätschelt Frau Ängstlich das Knie, «ich werde dir ja wohl nichts zuleide tun».

Frau Ängstlichzuckt zusammen. «Vielleicht unwissentlich», murmelt sie unter ihrem Schal hervor. Ihr Gegenüber legt die sonst so sorgenfreie Stirn in sorgenvolle Falten. «Was meinst du?» Zwischen Schal und Mantelkragen die Erklärung: «Vielleicht hast du dich bei jemandem angesteckt, ohne es zu wissen, und steckst nun mich an, ohne dass eine von uns etwas davon bemerkt. Schliesslich ist es unsichtbar, bis es spürbar wird.»

Der Mann im Abteil nebenan hustet. Frau Ängstlich zuckt zusammen. Frau Sorglos äugt zumindest skeptisch.

Sie wurde angesteckt. Mit Vorsicht gegenüber dem Virus, das in diesen Zeilen thematisiert wird, ohne genannt zu werden. Denn in dieser Sache sind wohl alle Herren und Frauen Sorglos teilweise auch Herren und Frauen Ängstlich oder zumindest Vorsichtig.

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