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Guter Rotwein im Schutzraum

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Vor kurzem besuchte ich einen Schweizer Museumskollegen. Er führte mich in einen ehemaligen Zivilschutzbunker. Seit dem Ende des Kalten Krieges 1990 ist der Schutzraum mit hunderten Exponaten vollgepackt, er dient als Museumsdepot.

Die Zeit der nuklearen Bedrohung scheint vorüber, Zivilschutzräume werden anderweitig genutzt. Mit Verschärfung des Kalten Krieges hatte die Schweiz ab 1963 den Bau von robusten und kostengünstigen Schutzräumen verfolgt. Diese Strategie sollte es der Bevölkerung ermöglichen, «im Fall eines mit atomaren Waffen ausgetragenen Krieges in Europa unterirdisch zu überleben», wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz auf seiner Homepage schreibt.

Als ich den verwaisten Zivilschutzbunker sah, wurde mir klar, wie wenig wir überhaupt noch in Sicherheitskategorien denken

Nach dem Zerfall der Sowjetunion, mit Beginn des kurzen Völkerfrühlings, stand nun der Schutz vor natur- und zivilisationsbedingten Katastrophen und anderen Notlagen im Vordergrund. Als die Sorge vor einem Atomkrieg noch sehr lebendig war, um 1978, führte mich ein Onkel am Vierwaldstättersee in seinen privaten Bunker: Stolz zeigte er mir dort die bezugsfertigen Stockbetten, den Luft- und Wasserfilter, die Lebensmittelkonserven und den Trinkwassertank.

In einer Ecke stand ein eisernes Weinregal, gefüllt mit sehr guten Rotweinen. «Wenn wir im Bunker abwarten, wie es weitergeht, darf ein guter Roter nicht fehlen», sagte er.

Damals belächelte ich das ausgeprägte Notfalldenken dieser Generation: Wenn es atomar knallt, ist es eh vorbei, dachte ich. Als ich jetzt, 40 Jahre später, den verwaisten Zivilschutzbunker sah, wurde mir klar, wie wenig wir Mitteleuropäer überhaupt noch in konkreten Sicherheitskategorien denken.

Ich machte eine Umfrage unter Schweizer und deutschen Freunden: Wer hat noch «eiserne Reserven» an Lebensmitteln, Batterien, ein netzunabhängiges Kofferradio, elementare Medikamente, einen Gaskocher, Kerzen und einen Treibstoffvorrat für den Personenwagen? Fast alle lächelten etwas befremdet: «Hast Du Angst vor Nordkorea?», hiess es.

Das nicht, aber die Welt ist seit einigen Jahren doch deutlich unsicherer geworden: Naturkatastrophen häufen sich, Cyberattacken auf Infrastrukturen sind Teil einer der «asymetrischen» Kriegsführung und einige Grosse dieser Welt liebäugeln wieder mit dem Einsatz von Kernwaffen.

Nüchtern betrachtet spricht doch manches dafür, dass ein mehrtägiger Stromausfall einmal eintreten könnte und dass man dazu ein paar vernünftige Vorkehrungen trifft. Mein längst verstorbener Onkel würde sich über meinen Sinneswandel jedenfalls königlich freuen. (Der Landbote)

Erstellt: 24.08.2018, 14:47 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der Städtischen Museen Konstanz und «Landbote»-Kolumnist. (Bild: Heinz Diener)

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