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Gutschein für Vorfreude

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Letzthin ist er mir wieder begegnet, der Gutschein für den Brunch im Parkhotel, den ich mal geschenkt gekriegt habe, vor vier Jahren. In der ­Ablage beim Telefon, zwischen dem Merkblatt zum Schulsporttag 2017 und dem alten Telefonalarm vom Kindergarten, hatte er sich versteckt.

«Du, den müssen wir jetzt aber endlich mal einlösen!», sag ich zu meiner Freude und erinnere mich im selben Moment vage, dass ich doch schon im Herbst letzten Jahres dasselbe gesagt hab und wahrscheinlich auch schon im Frühling davor.

Statt materieller Gegenstände, die einem in den immer kleiner werdenden Wohnungen ja ohnehin nur im Weg stehen, soll man Erlebnisse verschenken – so lautet die Begründung, warum Gutscheine auf jeden Fall die besseren Geschenke seien. Und das ist durchaus plausibel.

Im Falle des Gutscheins kann es gerne passieren, dass die Vorfreude auch die einzige Freude bleibt.

Nur mach ich mittlerweile die Erfahrung, dass das mit dem Gutschein verbundene Erlebnis sich nicht selten nur darauf beschränkt, sich immer wieder daran zu erinnern, dass man den Gutschein endlich mal einlösen sollte. Vorfreude sei die schönste Freude, so heisst es ja bekanntlich. Nur kann es im Falle des Gutscheins gerne passieren, dass die Vorfreude auch die einzige Freude bleibt.

Irgendwann ist der Gutschein für den Wellnessnachmittag mit Massage oder das Geniesser-Weekend im Hotel nämlich fast schon so alt wie der Wein, den es dort zu geniessen gäbe.

Und so ist man dann unweigerlich gezwungen, erst noch telefonisch zurückzufragen, ob das Hotel nicht schon abgerissen, der Masseur nicht bereits in Pension und der Gutschein überhaupt noch gültig sei. Und auch das ist ja dann schon ziemlich aufwendig. Wer weiss, vielleicht gibt es bereits Gutscheine für die Gültigkeitsabklärung von Gutscheinen.

Eine gute Freundin hat mir erzählt, dass ihr Partner schon seit etwa sieben Jahren ein Ticket für eine Erstklassrundfahrt auf dem ganzen Vierwaldstättersee hat. Und jedes Jahr geht er wieder an den Schalter, um sich sein Ticket erneuern zu lassen. Aber das ist ja immerhin schon was.

Wenn schon die Zeit nicht reicht, tatsächlich mit dem Schiff in See zu stechen, dann gönnt er sich wenigstens alljährlich den Spaziergang an dessen Anlegestelle. Um so jedes Mal von neuem die Vorfreude zu geniessen. Vorfreude auf die schöne Rundfahrt … oder auf die nächste Gutscheinerneuerung. (Der Landbote)

Erstellt: 27.03.2019, 14:40 Uhr

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