Tribüne

Heilige aus dem Kalender

Johannes Engelsing macht sich Gedanken zu Namenstagen und Schutzpatronen.

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Zu Beginn des Jahres erreicht uns noch immer ein Brauch aus vordigitalen Zeiten: Zeitungen, Banken und Versicherungen verschenken gedruckte Kalender. Meist sind es kleine Taschenkalender, oder ausklappbare Jahreskalender, auch Abreiss-Kalender mit erhebenden Sinnsprüchen werden verteilt.

Unsere Vorfahren nutzen diese Kalender, um die Termine von Viehschauen und Geburtstage der ungeliebten Verwandtschaft einzutragen. Ich mag Kalender, die etwas erzählen: Werden sie in katholisch geprägten Gegenden verteilt, führen sie die traditionellen Namenstage auf. Einst belehrten mich fromme Katholiken, dass für sie der Namenstag wichtiger als der Geburtstag sei, denn er zeige an, welcher Schutzpatron dich behütet.

Da verlässt ein 50-Jähriger urplötzlich seine Frau und zehn Kinder, um fortan als Kauz in einer Höhle zu leben. 

Mein Namenspatron hat seinen Tag im September, es ist der fromme Tobias aus den Nebenbüchern (Apokryphen) der Bibel, der seinen erblindeten Vater heilte. Viel spannender finde ich als nüchterner Reformierter die dramatischen Heiligenlegenden der Kirchengeschichte: Der Februar hat beispielsweise den Heiligen Blasius zu bieten, der als Einsiedler lebte, den die Vögeln speisten und der Kranke heilte.

Vom missgünstigen Präfekten erst gefoltert, dann zum Tode durch Ersäufen verurteilt, wandelte Blasius auf dem Wasser und rief: «Wenn Ihr glaubt, Eure Götter haben dieselbe Macht, so kommt mir nach!» Ob er wegen des kalten Wassers bis heute als Schutzpatron gegen Halsentzündungen, Angina und Blähungen gilt?

In den meisten Heiligenlegenden fliessen Ströme von Blut, die Märtyrer werden gekreuzigt, geköpft oder, wie der arme Laurentius, auf Eisenrosten gegrillt. Deshalb trägt sein Abbild heute immer einen Eisenrost bei sich. Kurioserweise ist er der Schutzpatron der (grillenden) Wirte.

Der Schutzpatron der Schweiz ist bekanntlich Niklas von Flüe. Schon als Kind war mir dieser heilige Bruder Klaus suspekt: Da verlässt ein 50-Jähriger urplötzlich seine arme Frau Dorothea und zehn Kinder, um fortan als Kauz in einer Höhle zu leben und anderen Leuten oberschlaue Ratschläge zu geben.

Dagegen lobe ich mir den Heiligen Antonius von Padua, einen Volksprediger in Italien und Frankreich: Er schützt die Liebenden, die Bäcker und die Haustiere. Ausserdem hilft er, verschwundene Sachen wiederzufinden. Die Bayern nennen ihn liebevoll «Schlamperltoni». Wer uns Normalos so nah ist, zu dem kann man auch ein kleines Stossgebet schicken, wenn wieder einmal die Autoschlüssel verschwunden sind.

Erstellt: 14.02.2020, 12:37 Uhr

Tobias Engelsing ist Leiter der Städtischen Museen Konstanz und «Landbote»-Kolumnist.

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