Tribüne

Herbst

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Ich bleibe für einen Moment stehen. Eine Linde in ihrer ganzen herbstlichen Pracht. Alle nur erdenklichen Orange-, Rot- und Gelbtöne scheinen auf und die Abendsonne tut das Ihre dazu. Einfach nur traumhaft. Bald lässt auch dieser Baum seine Blätter los, um im Frühling mit ganzer Kraft sein junges Grün auszutreiben.

Mit einem Rilke-Gedicht auf der Zunge gehe ich weiter: «Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; […] Wir alle fallen. […] Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.»

Wie habe ich diese Jahreszeit mit den Kindern geliebt!

Szenenwechsel. Ein Kindergarten, die Fenster sind rundherum mit Girlanden aus Herbstblättern geschmückt. Mein Kindergärtnerinnenherz – das war mein Erstberuf – schlägt höher. Ich fühle mich um Jahre zurückversetzt. Wie habe ich diese Jahreszeit mit den Kindern geliebt, Blätter sammeln, Bilder legen, die Farben zuordnen, abstrakte Bilder malen und mit Bildern aus der Kunst vergleichen, eine Ausstellung für die Eltern organisieren.

Aus den Blättern Formen erkennen: erste Schritte in Geometrie. Den Blättern zusehen wie sie sich im warmen Kindergartenzimmer langsam einrollen von den Rändern her und verschrumpeln. Mit den Kindern philosophieren zum Leben und zum Sterben. Andere Blätter haben wir gepresst und daraus Deko gemacht für den «Chindsgi».

Da stehe ich also in diesen Tagen vor einem Kindergarten mit der herbstlichen Blattgirlanden-Fensterdeko und staune nicht schlecht. Täusche ich mich? Ich gehe näher. Nein, ich habe mich nicht getäuscht, alles aus Plastik. Die ganzen Herbstblätter aus Plastik. Ich bin sprachlos. Es sieht natürlich perfekt aus, mindestens von Weitem, ganz anders als unsere Deko damals, welche die Kinder aus den gepressten Blättern selbst gemacht hatten.

Ganz zu schweigen vom täglichen Aufwischen, weil da und dort die Blätter bröselten. Plastik, Made in China im Kindergarten? Jedes Blatt gleicht dem andern, Schablonen in Form und Farben. Wir billig die Kinder auch von künstlerischen Wert her abgespeist werden. Und wo bleibt die Beziehung zur Natur, zum Kreislauf des Lebens? Plastikblätter verschrumpeln nicht und eignen sich nicht zum Philosophieren.

«Jetzt falled d Blettli wieder, de Summer ich verbii…», ein Kinderlied hängt sich ein. Diese Plastikblätter fallen nicht. Vielleicht verschwinden sie in einer Schachtel, um nächstes Jahr wieder aufgehängt zu werden. Vielleicht landen sie auch im Abfall. Das Zeug ist ja derart billig, dass man/frau nächstes Jahr wieder Neues kaufen kann.

Erstellt: 15.11.2019, 17:29 Uhr

Monika Schmid ist Theologin und Gemeindeleiterin der Katholischen Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten.

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