Pro und Contra

Herbstzeit ist Kürbiszeit: Ist der Hype um das Gemüse gerechtfertigt?

Kürbisse sind aus Küchen zwar nicht mehr wegzudenken. Doch über ihren (Nicht-)Geschmack lässt sich trefflich streiten.

Kürbisse begeistern durch Form und Farbe aber über den Geschmack lässt sich streiten.

Kürbisse begeistern durch Form und Farbe aber über den Geschmack lässt sich streiten. Bild: Dorothea Mueller

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Ja

Endlich muss man nicht mehr vor dem Gemüseregal stehen und sich den Kopf zerbrechen. Denn die Wahl ist absolut klar: Kürbis. Nur schon fürs Auge ist das Gemüse eine Freude. Zum Beispiel auf dem Wochenmarkt. Oder wenn man übers Land fährt, auf den Wagen am Strassenrand. Orange, gelb, weiss und in allen möglichen Formen – welches Gemüse könnte dem Kürbis in dieser Hinsicht Konkurrenz machen? Genau: keines.

Wer im Herbst saisongerecht kocht, greift sowieso gern auf den Kürbis zurück. Die Zucchetti-Zeit ist jetzt nämlich glücklicherweise definitiv vorbei. Während die Menüs mit Zucchetti beschränkt sind, kann der Kürbis auf die verschiedenste Weise in der Küche eingesetzt werden. Die gewöhnliche Kürbissuppe haben wir vielleicht etwas zu oft gegessen. Sie ist tatsächlich etwas fantasielos. Doch auch da bleibt Raum fürs Spielerische.

Am Familientisch machen wir es uns jeweils zum Sport, mit Schlagrahm das lustigste Gesicht auf die orange Suppe im Teller zu sprühen. Und siehe da – sie wird mit Freuden gegessen. Haben die Eltern Glück, geht der Kürbissuppen-Gesichter-Wettbewerb sogar in eine zweite Runde. Ausserdem sind Eltern, die wissen, wie gesund das orange Gemüse ist, schlicht entzückt, wenn ihre Kinder Kürbissuppe essen. All die Vitamine (A, C, D und E) sollen zum Beispiel fürs Immunsystem besonders gut sein.

Doch Kinder essen Gemüse bekanntlich nur, wenn es fein ist. Kürbis gehört nicht nur in Suppenform dazu. Zum Beispiel lässt er sich bestens in einen Risotto raffeln. Ein Hit am Mittagstisch ist auch die Kürbis-Carbonara: Pasta mit Kürbissauce, Marroni und Speckwürfeli. Zugegeben – die Beliebtheit dieses Menüs ist vielleicht auch dem Speck geschuldet.

Der Kürbis ist mit der vegetarischen und veganen Küche sicher noch beliebter geworden als früher. Auch Starköche wie Jamie Oliver oder Yotam Ottolenghi publizieren Kürbis-Rezepte in ihren Kochbüchern. Wie zum Beispiel den Butternusskürbis aus dem Ofen, der mit Tahini-Sauce beträufelt und mit Za’atar bestreut wird. Oder den Kürbis-Eintopf mit Süsskartoffeln und orientalischen Gewürzen. Ein Gedicht. Und vor allem, alles andere als langweilig.

Nein

Unser aller Betty Bossi bezeichnet den Kürbis als «wandelbar und vielseitig» und als «Alleskönner in der Küche». Seine Popularität verdanke er ebendieser Vielseitigkeit. Es gibt kein Gericht, von salzig bis süss, wo er nicht auch noch reingetan wird. Wie kann man demjenigen widersprechen, der vorgibt, alles zu können und jedem zu schmecken?

Genau damit! Der Kürbis ist der Wi­schi­wa­schi-Politiker unter dem Gemüse. Der Sowohl-als-auch-Plauderer, der allen alles verspricht, um von möglichst allen gewählt zu werden. Wie dieser Politiker kaum eine eigene Meinung hat, hat der Kürbis kaum einen eigenen Geschmack. Der Kürbis wartet, bis er gewürzt wird. Und der Windfahnen-Politiker wartet, bis die Mehrheit ihre Meinung gemacht hat und er sich ihr gefahrlos anschliessen kann. Wie der an sich fade Kürbis also den Geschmack des Gewürzes annimmt, so nimmt dieser Chamäleon-Politiker die Meinung der Mehrheit an.

Ja, es ist schön, an einem kühlen Herbstabend eine warme, orange und eben gut gewürzte Kürbissuppe zu löffeln. Ein Kürbis besteht zu über 90 Prozent aus Wasser – wie eine Suppe. Doch auch eine Suppe schmeckt nicht wegen des Wassers, sondern wegen dem, was darin herumschwimmt. Die Geschmacksvielfalt des Kürbisses ist bei Weitem nicht so gross, wie es seine Vielfalt an Formen, Farben und Grössen glauben machen will.

Wenn ein Heilkraut gegen alles Mögliche helfen soll, hilft es meist gegen nichts wirklich. Wir erinnern uns: Wie der Sowohl-als-auch-Politiker, der allen alles und niemandem etwas verspricht. Ein Gemüse, das in alle möglichen Desserts und in alle erdenklichen Hauptspeisen passt, schmeckt nicht. Aber nicht so, wie jemandem Fenchel oder Sellerie nicht schmeckt: Kürbis schmeckt nach nichts, und das schmeckt man nicht. Man kann gemüseaversiven Kindern Kürbis in Kuchen und Wähen mischen – sie werden es nicht schmecken.

Kürbis ist zwar okay, ab und an auch fein. Doch er ist das am meisten überschätzte Gemüse, das jeden Herbst auch noch medial gehypt wird bis zum Überdruss. Mir ist ein Gemüse lieber, das die einen mögen und die anderen nicht – und dafür Charakter hat.

Erstellt: 04.10.2019, 10:49 Uhr

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