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Hundert Jahre Schneeflocke!

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Diese Woche ist sie hundert Jahre alt geworden. Kurz nach dem ersten Weltkrieg geboren. Was in den letzten hundert Jahren alles geschehen ist, die ganze Entwicklung. Bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges war sie zwanzig Jahre alt, eine junge Frau mit Träumen und Sehnsüchten, dem Leben entgegen.

So gerne wäre sie Schneiderin geworden. Aus diesem Traum wurde nichts. Es galt mitzuverdienen und die Familie zu unterstützen. Zwanzig Franken habe sie jeweils erhalten, wenn sie wieder da oder dort in einem landwirtschaftlichen Betrieb mitgeholfen habe. «Zwanzig Franken im Monat», frage ich nach. «Nein, nein, einfach für die ganze Zeit», antwortet sie. «Das konnten auch ein paar Monate sein. Doch die Mutter war froh darüber.»

Jede und jeder ein Unikat. Besonders, einmalig, noch nie dagewesen.

Zeiten prägen uns. Generationen wechseln ab, X, Y, Z. Nun sind wir bei der Generation «Snowflacke». Junge Leute, so ab Ende der 90er Jahre geboren. Jede Schneeflocke soll ja etwas ganz Besonders sein, ein Unikat. Und genau so soll sich die Generation «Snowflacke» fühlen. Jede und jeder ein Unikat.

Alles an ihnen ist besonders, einmalig, noch nie dagewesen. Sie sollen sehr fragil sein, die «Snowflackes», eben wie echte Schneeflocken. Man muss behutsam mit ihnen umgehen. Verkennt man ihre Besonderheit sollen sie sehr schnell beleidigt sein. Lachend sage ich zu meiner Nichte: «Auch du eine Snowflacke.»

Sie verdreht die Augen und ihre Freundin mit. «Können wir ja nichts dafür. Ihr habt uns dazu erzogen. Schau doch mal. Wenn ein Kleinkind Farbstifte in die Hand kriegt und ein Blatt Papier vollkritzelt quietschen die Eltern vor entzücken und es ist schon ein halber Künstler.» Ihre Antwort gibt mir zu denken. Wohin steuern wir?

Zum Schulbeginn wurden unsere Erstklässler*innen speziell und persönlich gesegnet und von den Eltern in die Arme genommen. Sie sollten spüren, dass sie geliebt sind, begleitet hineingenommen in göttliche Gegenwart. Es war ein berührender Gottesdienst.

Wir sind von Gott her gesehen, alle ganz einmalig und wichtig, Töchter und Söhne Gottes. Jede und jeder eine Schneeflocke? Ja, mit dem Unterschied, dass dies für alle gilt, für das Flüchtlingskind genauso, wie für die hundertjährige Frau. Niemand ist ausgenommen. Dieses Bewusstsein, schafft Gemeinschaft in Vielfalt, Rücksichtnahme und Respekt voreinander.

Kinder werden stark, wenn sie sich einschätzen lernen und auch mit Niederlagen umgehen können. Kinder werden stark, wenn sie spüren, dass sie wegen ihrer selbst geliebt sind, nicht erst durch ihre Leistung.

Erstellt: 23.08.2019, 16:07 Uhr

Monika Schmid ist Theologin und Gemeindeleiterin der Katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten

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