Leitartikel

Die beste Lösung – trotz der Schönheitsfehler

Die Traglufthalle bringt schnell und günstig, was der Stadt fehlt: Mehr Platz zu Schwimmen – für Familien und Sportler gleichermassen. Wer stattdessen ein zweites Hallenbad bauen will, kann nicht ernsthaft mit Energie und Ökologie argumentieren.

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Würde in Winterthur in einer Woche darüber abgestimmt, ob die Stadt mehr Platz im Hallenbad braucht, wäre das Resultat ein deutliches Ja. Wer immer sich in den letzten Jahren zu dem Thema geäussert hat, kam zum selben Schluss: Der Kanton, der Stadtrat, der Gemeinderat, die Schulen und Sportvereine. Winterthur fehlt es an Winterwasser.

Zum Planschen, zum Lernen, zum Kraulen und für Wasserball. Wenn es also eine Aufgabe zu lösen gibt, dann lautet sie so: Wie erhalten Hobbyschwimmerinnen, Sportler und Schülerinnen zügig mehr Platz zum Schwimmen? Abgestimmt wird am 20. Oktober über den Bau einer Traglufthalle. Geredet wird ausserdem über ein zweites Hallenbad.

Ein zweites Hallenbad wäre dauerhaft, komfortabel und gut isoliert. Dafür wäre es teuer, auch im Unterhalt. Der Stadtrat nennt einen Betrag von bis zu 50 Millionen Franken, die Gegner der Traglufthalle sprechen von 20 Millionen Franken. Wer ans Polizeigebäude oder ans Schulhaus Neuhegi denkt weiss: Der Betrag wird näher bei 50 Millionen liegen. Ob und wann sich die Stadt das leisten kann und will, ist umstritten.

Energie lässt sich auch sparen, indem die bestehende Infrastruktur besser ausgelastet wird.

Zehn Jahre wird die Planung in jedem Fall dauern. Mit Investitionskosten von 2,3 Millionen Franken und jährlichen Kosten von 440 000 Franken ist die Traglufthalle viel günstiger. Auch weil sie weniger Komfort bietet. Das stört die Langstreckenschwimmer und Sportvereine nicht. Und für sie ist die Traglufthalle gedacht. Als Folge wird im Hallenbad Platz frei für grosse und kleine Schwimmerinnen und Schwimmer, die es gerne wärmer haben.

Die Traglufthalle ist auch ökologischer als ein zweites Hallenbad. Denn während dieses im Sommer wenig benutzt vor sich hin blubbert, muss die Traglufthalle nur von Oktober bis April geheizt werden. Im Sommer wird das Dach abgebaut und das grosse Becken im Geiselweid kann wieder als Freibad genutzt werden. Noch vor einigen Tagen wurde darin gebadet. Bei angenehmen 24 Grad Celsius. Geheizt mit Fernwärme und ohne Dach. Aufgeregt hat sich niemand.

Ja, die Traglufthalle hat einen Schönheitsfehler. Sie ist schwächer isoliert, als vorgeschrieben und im Winter muss ein wenig Gas verbrannt werden, um sie zu heizen. Seit 2012 und der Abstimmung über das Cabriodach aber hat die Technik enorme Fortschritte gemacht. Die Hülle der Traglufthalle isoliert doppelt so gut, wie es das Cabriodach getan hätte. So gesehen war das knappe Nein damals ein Glücksfall. Das Cabriodach hätte mehr Energie verbraucht und wäre den Anwohnerinnen und Anwohnern auch im Sommer in der Aussicht gestanden.

In Zeiten des menschengemachten Klimawandels ist es ein hohes Gebot, wo immer möglich Energie einzusparen. Doch wer statt der Traglufthalle ein zweites Hallenbad bauen will, sollte das Energiespar-Argument nicht zu scharf betonen. Auf den Schönheitsfehler darf mit Fug und Recht nur zeigen, wer im Winter bloss ausnahmsweise im Hallenbad schwimmt. Während ein zweites Hallenbad und das Hallenbad Geiselweid zusammen ungefähr 6100 Megawattstunden Energie verbrauchen würden, kommt die Kombination von Geiselweid und Traglufthalle mit 5400 Megawattstunden Energie aus.

Mit der Traglufthalle kann die beheizte Schwimmfläche verdoppelt werden, ohne dass mehr Parkplätze, mehr Garderoben und ein neuer Kiosk gebaut werden müssen. Energie lässt sich auch sparen, indem die bestehende Infrastruktur besser ausgelastet wird.

Die Traglufthalle verschandle das Geiselweidquartier, sagen die Anwohner. Während die Stadt ihnen genau vorschreibe, wie sie ihre Häuser umzubauen hätten, lasse sie bei der zehn Meter hohen Ballonhalle ungerade gerade sein, lautet der Vorwurf. Er zielt ins Leere. Das Hallen- und Freibad Geiselweid liegt in einer Zone für öffentliche Bauten. Darin kann die Traglufthalle gebaut werden. Sie muss sich aber genügend gut ins Quartier einfügen. Ob sie es tut, wird sich im Bauverfahren zeigen, genau wie bei privaten Bauprojekten auch.

Nirgendwo werden die Anwohner klatschen, wenn in der Nachbarschaft eine Traglufthalle oder ein Hallenbad gebaut werden soll. Sich dagegen zu wehren ist ihr gutes Recht. Bis die Traglufthalle benutzt werden kann, könnte es darum auch nach einem Ja noch ein wenig dauern. Die Winterthurerinnen und Winterthurer aber warten schon sehr lange auf mehr Winterwasser. Steht die Lösung erst im Herbst 2022 bereit, statt wie optimalerweise möglich 2021, wäre das dennoch ein Grund zum Jubeln.

Erstellt: 11.10.2019, 15:55 Uhr

David Herter ist Stadtredaktor beim Landboten.

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