Lomo

Ich bin dann mal weg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sind Herbstferien, und Leute reisen in die Ferne. Ich aber muss zu Hause bleiben und arbeiten. Aber ich weiss noch, wie ich damals auf Reisen ging, auf eigene Faust hinaus ins Unbekannte. Ich muss wohl etwa sechs Jahre alt gewesen sein.

Als Reisegepäck hatte ich mein geflochtenes Köfferchen, in dem ich sonst meine Detektivutensilien verstaut hatte – die Dächlikappe, die Lupe und die alte Tabakpfeife. Jetzt tat ich einen Apfel, ein Comic-Heftli und meine Einschlafspieluhr hinein. Das müsste sicher reichen, um an den Nil zu kommen oder in den Amazonasdschungel oder an sonst einen jener Orte aus den Abenteuergeschichten.

«Diesmal gilt es ernst», so dachte ich mit Tränen in den Augen, während ich den Feldweg davonging Richtung Wald.

«Ich gehe fort und komme nie mehr wieder!», habe ich meiner Mutter gesagt. Doch statt mich anzuflehen, es mir doch bitte noch einmal zu überlegen, hat sie nur genickt, während sie weiter am Kochherd in einem Topf rührte. Sie dachte wohl, ich würde nur mal rasch ums Haus herumlaufen, wie früher. Doch jetzt war nicht mehr wie früher und ich auch kein kleines Kind mehr. «Diesmal gilt es ernst», so dachte ich mit Tränen in den Augen, während ich den Feldweg davonging Richtung Wald.

Am Waldrand setzte ich mich auf eine Bank und schaute in die zentralschweizerische Landschaft hinaus, biss in den Apfel und dachte darüber nach, wie weit ich schon gekommen war. Konnte es überhaupt noch besser werden als hier, wo die Sonne schien und das Gras duftete? Freilich, bis in die Prärie, wo die anderen Cowboys sicher schon auf mich warteten, müsste ich schon noch ein Stückchen gehen und vor allem durch den dunklen Wald, in dem mir nie so ganz wohl war.

Ausserdem war ich ja ohnehin schon so weit gekommen und hatte folglich bewiesen, dass es mir mit meiner Weltreise todernst war. Auch musste ich gestehen, dass ich hier auf der Bank gar nicht mehr wusste, was zu Hause eigentlich so schrecklich war, dass ich es keine Sekunde länger mehr aushalten könnte. Und zu gern hätte ich gewusst, was eigentlich in dem Topf köchelte, in dem meine Mutter rührte.

Vielleicht ein Festessen zu Ehren meiner Rückkehr? Und so kehrte ich denn schliesslich nach meiner grossen Reise doch wieder heim, glücklich und hungrig und voller Erlebnisse aus der Fremde. Heute weiss ich: Ich bin nie mehr so weit gereist wie damals. Um die ganze Welt herum – bis zu mir nach Hause.

Erstellt: 08.10.2019, 16:55 Uhr

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!