Albanifest

Im Rausch der Geschwindigkeit

Ab heute verwandelt sich Winterthur wieder für drei Tage in ein grosses Festgelände. Für unseren Kolumnisten auch ein Anlass zum Philosophieren.

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Nun ist also wieder Albanifest, und das stimmt mich immer etwas melancholisch. Das klingt erstaunlich, denn normalerweise würde man angesichts des von Musik durchdröhnten und von Wurst-Bier-Zuckerwatten-Duft umwehten Stadtfest-Rambazambas denken, dass dabei zwar alle möglichen heftigen Gefühle aufkommen, bloss keine schwer­mütigen.

Traurig stimmt mich indes, dass ich, der ich als Kind so gern auf alle möglichen Achter- und sonstige Bahnen gegangen bin, das heute kaum mehr ertrage. Als ich mich letzthin mal auf eine Kinder-Giireizi gesetzt hab, wurde mir nur schon vom leichten Wippen ganz komisch, ausgerechnet mir, der ich doch früher nie genug kriegen konnte vom möglichst hoch Hinausschwingen und dann Abspringen.

Ich, der ich als Kind so gerne auf alle möglichen Bahnen gegangen bin, ertrage heute kaum mehr das leichte Wippen auf einer Kinder-Giireizi.

Dass aber Geschwindigkeiten auf Jahrmarktsbahnen auszuhalten wohl auch einfach nur eine Frage des Trainings ist, zeigt nicht nur die Rückschau auf meine eigenen Kinder­gartenschaukelkünste, sondern auch auf die grössere Kulturgeschichte:

Als im 19. Jahrhundert die Eisenbahn aufkam, wurde in medizinischen Broschüren der «Einfluss des Reisens mit der Eisenbahn auf die Volksgesundheit» debattiert. So warnten Wissenschaftler davor, dass die Züge keinesfalls zu schnell fahren dürften, denn der mensch­liche Organismus sei gar nicht in der Lage, Geschwindigkeiten von mehr als 80 km/h auszuhalten.

Ganz bestimmt würde man bei solchen Geschwindigkeiten geisteskrank werden und Frauen müssten zudem befürchten, dass ihnen die Gebärmutter aus dem Körper fliege. (Der merkwürdige Glaube, dass die Gebärmutter nur lose im Körper hänge und mitunter gar – wie etwa bei der Hysterie – herumwandern könne, hielt sich ja erstaunlich lange.)

Man stelle sich nur mal vor, wie es in heutigen Zugabteilen zu- und hergehen und vor allem aussehen würde, wenn die Wissenschaftler recht gehabt hätten. Und ob dieser absurden Vorstellung hat sich meine anfängliche Melancholie dann doch wieder allmählich verzogen.

Und überhaupt: Wenn man sich überlegt, dass die Erde mit ihrem Umfang von 40 000 Kilometern sich in 24 Stunden einmal um die eigene Achse dreht, dann bedeutet das ja, dass wir ­alle, auch wenn wir nur stehen, uns eigentlich mit 1666 km/h bewegen, und wenn wir dann noch dazurechnen, dass die Erde ausserdem in einem Jahr die Umlaufbahn um die Sonne her­um zurücklegt, dann ergibt das noch eine zusätzliche Geschwindigkeit von 107 000 km/h.

Ob ich da jetzt noch zusätzlich auf eine Achterbahn stiege oder nur vor ihr stehen bleibe und sie ­anschaue, das macht ja dann eigentlich nicht so einen grossen Unterschied. Ich finde, ich bin auch so schon ziemlich flott unterwegs.

Am Albanifest gehts zuweilen wild zu und her. Kein Vergleich jedoch zum täglichen Temporitt unseres Planeten.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.06.2018, 11:23 Uhr

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