Tribüne

Neu Mass nehmen

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Zwischen Fussball WM und Papstbesuch, zwischen Budget der Kirchgemeinde und Kirchweihfest, zwischen Schulschlussgottesdienst und MitarbeiterInnengesprächen stehe ich auch regelmässig auf dem Friedhof. Diese Woche zwei Mal. Ich bin da mit Menschen in einer Ausnahmesituation. Sie nehmen Abschied vom Vater oder der Mutter, von Bruder oder Schwester, vielleicht von einem Kind und von lieben Menschen.

Die einen wurden aus dem Leben gerissen, andere sind im hohen Alter, vielleicht nach langer Leidenszeit «erlöst» worden. Herausgefordert bin ich mit meiner christlichen Botschaft, da auf dem Friedhof. Und die ach so wichtigen Themen des Alltages werden plötzlich nichtig und klein.

Was zählt im Leben, das auch dem Tod standhält? Dies wird auf dem Friedhof zur entscheidenden Frage.

Ob die Schweiz es nun vielleicht auch ins Viertelfinale der WM schafft oder noch weiter, diese Frage ist hier nicht relevant. Die Demütigung der eigenen katholischen Kirche uns Frauen gegenüber, einmal mehr spürbar geworden beim Papstbesuch, tritt in den Hintergrund. Nicht dass es unwichtig wäre, welche Fragen uns im Alltag beschäftigen und wie wir den Alltag gestalten.

Dass dreissig Tonnen reifer, wunderbarer Tomaten in den Abfall sollen, weil nicht mehr zu verkaufen und das damit verbundene Thema, wie wir überhaupt mit unseren Nahrungsmitteln umgehen, das sind Fragen, die mich im Alltag beschäftigen.

Wie Schweizer Konzerne im Ausland ihre Verantwortung wahrnehmen im Bezug auf Menschenrechte und Sicherheitsstandards, das ist mir nicht gleichgültig. Dass der Bundesrat mit dem neuesten Waffenexportentscheid, die rote Linie überschritten hat, wie auch Caritas Schweiz betont, auch das ein Thema, das in den Fokus von uns allen gehört.

Auf dem Friedhof in der Begleitung der Trauerfamilien tritt der Alltag etwas zurück und erscheint in einem andern Licht. Was zählt im Leben, das auch dem Tod standhält? Dies wird hier zur entscheidenden Frage. Fromme Worte oder eine Art Fassadenspiritualität werden hier auf dem Friedhof gnadenlos durchschaut.

Wer bin ich, wenn es ernst gilt im Leben? Worauf greife ich zurück? Was macht mein Leben aus?

Damit werde ich konfrontiert im Angesicht des Sterbens. So oft lassen wir uns von Kleinkram in Beschlag nehmen. Nichtigkeiten können uns tagelang beschäftigen, wir urteilen und verurteilen und spüren uns dabei gar nicht mehr.

Mein Beruf zwingt mich immer wieder in diese Distanz zum Alltag und ich bin bei aller Schwere, die damit verbunden ist dankbar dafür. Auf dem Friedhof mit den Trauerfamilien wird auch mein Leben sortiert, hier muss auch ich immer wieder neu Mass nehmen.

Erstellt: 29.06.2018, 16:55 Uhr

Monika Schmid Theologin/Gemeindeleiterin katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon. (Bild: Johanna Bossart)

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