Tribüne

Nicht einfach Ja und Amen

Eine Kolumne von Monika Schmid.

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Ich liebe die Texte von Christiane Florin. Ich lernte sie kennen über ihren Blog «Der Weiberaufstand», der nach ihrem gleichnamigen Buch benannt ist. Ihre Texte sind so treffend, so klar, so humorvoll.

Da kann man sich wirklich eine Scheibe davon abschneiden. Kürzlich beschrieb sie, wie sie als Kind im Religionsunterricht Ausmalbilder erhielt mit biblischen Geschichten, von Jona bis Petrus. Jene Kinder, die nirgends über den Rand hinaus malten, wurden besonders gelobt. «Den Rand halten, eine katholische Kulturtechnick», schreibt Christiane Florin.

Ausmalbilder leben davon, dass sie exakt ausgemalt werden. Kreativität hält sich dabei in Grenzen. Vielleicht versuchen gewiefte Kinder mit den Farben zu spielen und verpassen dem Petrus ein rosa Gewand. Autsch! Das ist fast wie über den Rand hinaus zu malen. «Den Rand halten, eine katholische Kulturtechnik».

Treffender könnte man, was sich oft katholisch nennt, kaum umschreiben. In der neueren Jugendsprache bedeutet: «Halt den Rand» auch: Schweig. Halt die Klappe. Den Rand zu halten, dazu sind viele von uns erzogen worden. Statt die eigenen Bilder zu malen, die eigenen Vorstellungen von Gott und Jesus, von Papst, Kirche und vom Leben aufs Blatt zu bringen, werden wir konditioniert, auszumalen und um Gottes Willen den Rand zu halten.

Wo kommen wir denn hin, wenn alle selber denken und danach handeln? Wo kommen wir hin, wenn Menschen lernen Nein zu sagen, statt Ja und Amen? Ich wünschte mir, dass in unserer Kirche mehr Menschen Nein gesagt hätten und Nein sagen würden.

Wer sich das getraut, steht oft alleine da. Wenn dann das Nest gemacht ist, dann kommen sie wieder, die Mitläuferinnen und Mitläufer und stehen ganz vorne dabei. Die Geschichte wiederholt sich. Wer sich einsetzt, setzt sich aus! Ist es Jesus anders ergangen? Jene, die schworen ihn nicht im Stich zu lassen, sie flohen um ihre Haut zu retten. Einzig ein paar Frauen standen unter dem Kreuz.

Wir gut tut es Menschen zu begegnen, die über den Rand malen, die ihre eigenen Lebensbilder malen, wie die junge Kapitänin Carola Rackete, die das Steuer in die Hand genommen hat um Gegensteuer zu geben, Gegensteuer für die Menschlichkeit. Glücklicherweise gibt es unzählige Frauen und Männer, die mutig und klar neue Wege gehen. Ermutigen wir einander darin, den Rand nicht zu halten, überall dort, wo es um Menschlichkeit geht und um eine lebenswerte Zukunft für alle.

Erstellt: 12.07.2019, 17:47 Uhr

Monika Schmid Theologin und Gemeindeleiterin der Katholischen Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten.

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