Zum Hauptinhalt springen

Oh weh, der kleine Zeh!

«Das ist eigentlich eine typische Sommerverletzung», meint die sympathische Ärztin in der Permanence im Stadttor, zu der mich die Hausärztin mangels eigenem Röntgenapparat geschickt hat.

70 Minuten zuvor bin ich mit meinem 4-jährigen Sohn im Glashaus die Rolltreppen hochgefahren und am Schaufenster des Magic X Erotic Megastore vorbei («Mami, was sind das für Fasnachts-Kostüm?») in die Notfall-Praxis gehumpelt. Eine typische Sommerverletzung in einem Winter, in dem einige Pflanzen bereits den Frühling spüren – das passt.

Die Ärztin zeigt mir auf dem Röntgenbild den deutlichen Bruch im kleinen linken Zeh, klebt den Patienten in einer beindruckend kunstvollen Tape-Technik an den Nachbarn und entlässt mich mit einem Rezept für eine Carbonsohle (bequem ist anders), Schmerzmitteln, dem Tipp, den Fuss möglichst hochzulagern und einem Tanzverbot für vier bis sechs Wochen.

Und deshalb wünsche ich auch Ihnen so einen gebrochenen kleinen Zeh.

Mehr als einen Monat auf meinen fixen wöchentlichen Tanzabend verzichten? Das scheint mir im ersten Moment die grösste Strafe. Aber dann realisiere ich, dass das Schicksal mir da wohl auf wundersame Weise in die Hand beziehungsweise in den Fuss gespielt hat.

Noch am Abend vor der fatalen Begegnung zwischen kleinem Zeh und Metallecke des Sofas habe ich mich nämlich darüber beklagt, dass meine Woche einfach zu wenig Abende habe, um – wenn die Kinder mal selig schlummern – all das zu machen, was mir sonst noch wichtig ist: An Projekten tüfteln, das Familienbudget jetzt aber wirklich endlich mal planen, Tanzen, die Beziehung pflegen (sei ja nicht unwichtig, heisst es), Arbeiten, ach… die Liste ist gross; die Versuchung, jeweils neben den Kindern auch gleich einzunicken ist es auch.

Und nun – danke Universum! – ist da plötzlich ein Abend mehr. Immerhin für vier bis sechs Wochen. Und gleichzeitig die Einladung, es mal etwas gemütlicher zu nehmen und nicht sofort aufzuspringen, wenn die Kinder aus dem hintersten Zimmer nach etwas Unverständlichem rufen oder es statt dem blauen Müesli-Schüsseli umsverroden das pinke sein soll.

Und deshalb wünsche ich auch Ihnen so einen gebrochenen kleinen Zeh. Nur symbolisch, natürlich. Denn die Schmerzen, die mit dieser Entschleunigung einhergehen, wünsche ich niemandem. Nicht mal der Schaufensterpuppe aus dem Magic X.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch