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Professionelles Wegschleichen

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Manche Dinge verlernt man nicht. Fahrradfahren zum Beispiel. Oder Schwimmen. Und das ist ja auch gut so, denn wer weiss, wann man nicht mal mit dem Rad an den Bahnhof oder mit der Badehose in den Fluss muss.

Da sind solche Fertigkeiten hilfreich. Aber es gibt auch Gelerntes, das schwerer weiterzuverwenden ist. Zum Beispiel hab ich immer noch die Technik drauf, wie man sich wieder aus dem Kinderbett davonmacht, in das man sich hatte legen müssen, weil der eigene Nachwuchs mal wieder nicht einschlafen wollte. Und wer nun meint, das sei ja keine besondere Kunst, beweist damit nur, dass er offensichtlich keine Kinder hat oder zu jener beneidenswerten und darum verhassten Sorte von Eltern gehört, deren Kinder immer problemlos durchschliefen.

Irgendwann, nach ungefähr 1352 Nächten Übung, hatte ich die Technik ziemlich perfekt raus

Wir anderen aber mussten uns zwecks Beruhigung mit dem Kind zusammen hinlegen und in der Dunkelheit abwarten, jeden Gesprächsversuch abblocken, indem wir spielten, selber schon tief zu schlafen, dabei aber immer wachsam bleiben mussten und darauf achten, ob die Atemzüge langsam ruhiger wurden, und dann noch eine halbe Stunde länger warten mussten, zur Sicherheit, bis man es endlich riskieren konnte, aufzustehen, damit aber meist doch noch zu früh dran war, sodass nämlich, grad als man das linke Bein unter dem Kinderkörper hervor und über den Bettrand geschmuggelt hatte, fast wie bei einem Mikado-Spiel in Lebensgrösse, das Kind natürlich prompt wieder aufwachte und mit frisch tränenerstickter Stimme fragte «Wo gasch hii, Papi?» und man sich darum nun nochmal hinlegen und nochmal abwarten musste, jetzt einfach doppelt so lang wie vorher, so lang wahrscheinlich, bis man tatsächlich selber eingeschlafen war, im viel zu kleinen Kinderbett, in voller Kleidung.

Irgendwann, nach ungefähr 1352 Nächten Übung, hatte ich die Technik des Aus-dem-Kinderzimmer-wieder-Davonschleichens ziemlich perfekt raus und das war dann genau der Moment, wo die Kinderanfingen, problemlos alleine einzuschlafen.

Was mach ich jetzt mit diesem unnütz gewordenen Wissen? Jäger werden? Aber auch das bringt nichts, weil ich ja nur das Weg-, nicht aber das Anpirschen gelernt habe und noch dazu im Kinderzimmer, wo es zwar knarrende Dielen und schmerzhafte Lego-Teilchen hat, selten aber raschelnde Büsche und knisterndes Laub wie in der freien Wildbahn.

So sitz ich da, den Kopf voll mit Atemtechniken zum Vorgaukeln von Tiefschlaf und kanns nicht gebrauchen. Das Klügste wäre vielleicht, ich biete an der Volkshochschule einen Kurs an: «Verdünnisieren für frischgebackene Eltern – professionelles Wegschleichen inca. tausend Lektionen».

(Der Landbote)

Erstellt: 15.05.2018, 18:39 Uhr

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