Lomo

Schauspiel mit Wein

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Letzthin, da war es mal wieder so weit. Ich war mit Bekannten im Restaurant, und es kam jener unausweichliche Moment, wo wir gefragt wurden, ob wir gerne Wein zum Essen hätten.

Nachdem wir alle Ja gesagt hatten, gingen gleich alle in Deckung, weil es dann nämlich darum ging, den Wein auszuwählen. Irgendwie ist ja die Weinauswahl eine Verantwortung, die niemand übernehmen will. Und wenn die Aufgabe dann trotzdem an einem hängen bleibt, dann versucht man sich mit irgendwelchen Floskeln abzusichern, wie etwa der Frage: «Habt ihr auch gerne französischen Wein?»

In Wahrheit schau ich nur den Preis an und versuche jenen Wein zu finden, der am drittbilligsten ist.

Ich meine, das sagt ja schon mal gar nichts über die Qualität aus, aber man kann sich so wenigstens einreden, dass die anderen am Tisch irgendwie auch mitverantwortlich sind für die Wahl. Wenn dann der Wein nicht schmecken würde, könnte man sagen: «Ihr seid ja auch mit schuld, dass wir den französischen und nicht den italienischen genommen haben.»

In Wahrheit schau ich natürlich nur den Preis an und versuche möglichst schnell jenen Wein zu finden, der am drittbilligsten ist. Dann bringt die Kellnerin die Flasche, und wieder ducken sich alle, weil jetzt probiert werden soll. Irgendjemand trinkt dann einen Schluck und weiss nicht recht, was jetzt zu tun sei.

Wie lange muss man jetzt den Wein noch im Mund behalten? Die Kellnerin hält mir unterdessen die Flasche hin. Damit ich mir anschaue, ob die Etikette gerade aufgeklebt wurde? Damit ich sicher bin, dass der Wein tatsächlich aus genau dieser Flasche kam und nicht etwa durch einen Zaubertrick in mein Glas gehext wurde? Egal.

Ich starre jedenfalls konzentriert auf die Flasche, als könnte ich in ihrer Form irgendeine geheime Botschaft lesen, während ich insgeheim nur denke: «Wie lang muss ich jetzt noch in dieser Stellung verharren, ehe ich nicken darf und sagen: Ja, der ist gut?»

Auch die Kellnerin weiss darauf keine Antwort. Wie zwei Kaninchen vor der Schlange stehen bzw. sitzen wir vor der hingehaltenen Flasche und warten, dass endlich der letzte Akt in diesem peinlichen Stück kommen möge, wo ich in die Runde schauen kann und noch mal bestätigend nicke und sage: «Doch, der ist gut», und sie endlich eingiessen darf. Als es endlich so weit ist, bin ich schweissgebadet und nudelfertig. Ich brauch jetzt dringend ein Glas Wein.

Erstellt: 26.06.2019, 10:34 Uhr

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