Kolumne

Schlüssel zur Vergangenheit

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«MA! MI!» – der empörte Ausruf meiner Tochter schrillt so vorwurfsvoll durch die Wohnung, als hätte sie mich dabei ertappt, wie ich heimlich in ihrem Tagebuch lese. Das mache ich natürlich nicht. Aber ganz so daneben ist der Vergleich trotzdem nicht.

Wenige Sekunden zuvor musste ich meiner 5-jährigen Tochter nämlich beichten, dass ich das Schlüsselchen zu ihrem Tagebuch verlegt habe. «Wieso nimmsch du de Schlüssel vo MIM Tagebuech?», fragt sie mit grollendem Blick. Ich setze mich schuldbewusst mit ihr auf die Bettkante und hole aus:

Es war berührend, mit den Menschen von heute in die Geschichten von früher einzutauchen.

Dass ich am Abend zuvor zu einem Wiedersehen der besonderen Art verabredet war, erzähle ich ihr. Mit einer Jungs-Clique, mit der ich vor 25 Jahren gelegentlich das Zürcher Niederdorf unsicher machte. Aus den Jungs von damals sind Männer geworden – und schon nur diese Tatsache lockte mich auf die Grill-Stelle ob Volketswil.

Denn einige dieser Jungs hätten auf ihrem Weg zum Mann genauso gut in der Gosse enden können. Den Schweiss auf ihrer Stirn und die verwaschene Sprache konnte ich, die im Ausgang nur Mineralwasser trank, damals nicht richtig deuten. Erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass nicht nur Bier und Gras im Spiel waren, sondern auch harte Drogen.

Aber die Jungs von damals haben alle überlebt – und den Weg aus den Drogen auf ihre Weise geschafft. Der eine fand seine Erleuchtung in der ZEN-Meditation, der andere schloss zur Überraschung aller ein Studium ab. Ein Dritter ist zwar immer noch dem Alkohol zugeneigt, brachte aber den weltbesten Couscous-Salat mit an die Feuerstelle.

Es war berührend, mit den Menschen von heute in die Geschichten von früher einzutauchen und das Erinnerungspuzzle von damals gemeinsam wieder zusammenzusetzen. Um die noch offenen Lücken zu schliessen, bin ich nach diesem Abend spätnachts noch mit verrauchten Kleidern in den Keller gestiegen und habe meine alten Tagebücher hervorgeholt. Die Bücher aus dieser Zeit habe ich sofort gefunden. Die Schlüssel dazu allerdings nicht…

Meine Tochter nickt verständnisvoll, nachdem ich mich ihr erklärt habe. «Dass du de Schlüssel vertlehnt häsch, zum dini Tagebüecher uufmache, isch scho ok», meint sie nachsichtig, «aber dass du ihn dänn nachher verhüehnerisch, isch scho chli blöd.»

Recht hat sie. Und deshalb kann ich allen kleinen und grossen Tagebuchschreiberinnen nur zwei Dinge ans Herz legen: Klebt den Schlüssel an eure Tagebücher, bevor ihr diese in eine Erinnerungskiste packt. Und trefft euch in 25 Jahren wieder mit den Protagonisten, denen ihr in euren aktuellen Memoiren Zeilen widmet. Zumindest mit den sympathischen. Es lohnt sich.

Erstellt: 16.08.2019, 11:35 Uhr

Franziska von Grünigen ist Radiofrau und Buchautorin.

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