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Sie Idiot? Du Idiot!

Im Kantonsspital Winterthur ist man seit diesem Jahr per Du. Das freut unsere Stadtverbessererin.

Den Grossen sagt man Sie, den Kleinen sagt man du. Das weiss jedes Kind. Kompliziert wird es wie so vieles mit dem Erwachsenwerden.

Darum ist die Stadtverbessererin dazu übergegangen, all jene zu duzen, die jünger, im gleichen Alter oder leicht darüber sind. Es sei denn, sie tragen eine Krawatte, Perlenohrringe, einen Doktortitel oder andere Respekt heischende Insignien.

Gesiezt werden prinzipiell alle, die im Alter der Eltern, darüber oder leicht darunter sind. Ausser sie tragen einen Kapuzenpulli, fahren ein nicht elektrisches Trottinett oder wirken sonst sehr bodenständig. Für jene, die in keine dieser Kategorien passen, bietet sich ein einfaches Hallo oder ein verschämtes Kopfnicken an. Je nach Tageszeit kann man auch einen Guten Morgen oder Abend wünschen.

Das KSW könnte ein Leuchtturm und die verschriebene Du-Kultur der erste Schritt zu einem unverkrampften Miteinander in der ganzen Stadt sein.

Schätzt man das Gegenüber falsch ein, kommt es trotzdem immer wieder zu komischen Situationen. Darum hat die Stadtverbessererin diese Woche mit grosser Freude vernommen, dass das Kantonsspital Winterthur auf allen Ebenen das Du einführt – und zwar als Pionierin in der Schweizer Spitallandschaft. Damit hat das KSW auf dem Feld der internen Kommunikation jenes Modell erfolgreich eingeführt, das bei der Organspende erst Wunschdenken ist: die Widerspruchslösung.

Das Du ist der neue Standard. Nur wer explizit auf dem Sie besteht, wird noch beim Nachnamen genannt. Warum aber an den Spitaltüren aufhören? Das KSW könnte hier ein Leuchtturm und die vom Direktor verschriebene Du-Kultur der erste Schritt zu einem unverkrampften Miteinander in der ganzen Stadt sein. Denn wenn sogar die honorigen Doktoren auf das Sie verzichten können, sollte das für den Rest von Winterthur eigentlich kein Problem sein.

Natürlich müsste man erst mit dem Irrtum aufräumen, das Sie sei eine Frage des Anstands. Nicht die Anrede, sondern das, was danach kommt, transportiert Wertschätzung und Respekt. So ist ein Kompliment, das mit einem Du beginnt, dadurch nicht weniger wert. Ein Schimpfwort bleibt ein Schimpfwort, auch wenn man ihm ein Sie voranstellt.

Der sehr geehrte Idiot freut sich nicht über die formvollendete Beleidigung, sondern wird die Höflichkeitsfloskel als zusätzlichen Hohn auffassen. Dann lieber ein ehrliches: Du Idiot! Doch selbst wenn sich alle einig sind, dass die deutsche Sprache auch ohne Du-Sie-Dilemma genug Fallstricke bietet, bleibt die Frage, wer beim nächsten Gespräch den Anfang macht.

Vielleicht du?

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